Kultur : Wohin fliegen wir? Keine Ahnung!

CHRISTIAN SCHRÖDER

Bruchlandung: Die Drei-Personen-Farce "Poljot" von Alexej Schipenko in der DT-BarackeVON CHRISTIAN SCHRÖDEREs gibt Abende, an denen im Theater die Zeit wie im Flug zu vergehen scheint.Manchmal aber, wenn ein Stück nach den Sternen zu greifen versucht und dabei abstürzt, fühlt man sich wie eingeklemmt im Bordgestühl eines Interkontinentaljumbos, bei dem außer dem Brummen der Motoren nichts darauf hindeutet, daß die Maschine vorankommt.Als Zuschauer der Drei-Personen-Farce "Poljot", dem neuesten Stück des russisch-deutschen Fließbandautors Alexej Schipenko, wird man Zeuge einer solchen Bruchlandung.Das havarierte Flugzeug, das Ulrike Bresan bei der Uraufführung in der Baracke des Deutschen Theaters aufgebahrt hat, ist ein Symbol des rasenden Stillstands.Neunzig Minuten lang bewegt es sich nicht vom Fleck, genausowenig wie die Inszenierung von Valerij Bilchenko, die das gerade mal zwanzig Seiten schmale Dramolett zu einem faden Eintopf aus immergleichen Textpassagen und Bewegungsabläufen verrührt.Da hilft es auch nichts, daß drei riesige Ventilatoren auf Hochtouren arbeiten und Fluggeräusche vom Recorder eingespielt werden.Viel Wind um nichts. Worum es geht? Schwer zu sagen.Vielleicht um das Gefühl, weg zu wollen, aber nicht weg zu können.Um die Sehnsucht nach der Ferne, die um so größer wird, je mehr man spürt, daß man sie doch nie erreicht.Oder, um es im Brachial-Jargon des Stückes zu formulieren: "Warum fliegen die Menschen nicht wie Vögel? Weil sie mehr Scheiße drin haben!" Am Anfang hockt ein Mann in Unterwäsche (Martin Engler), wohl der Pilot (=Poljot) des abgestürzten (?) Jets, auf einem Matratzenlager und wirft Papierflieger in die Luft.Später kommen zwei mit allerlei Palästinensertüchern und Orientwesten zu Karnevals-Arabern ausstaffierte Typen (Aykut Kayacik und Adnan Maral) hinzu, die auf der Tragfäche ihren Gebetsteppich ausrollen und in einer kehligen Phantasiesprache herumschnattern. Ihr Slapstick entwickelt sich bisweilen zum aberwitzig-übermütigen Körpertheater à la Kresnik, etwa wenn der eine den naßforschen Bräutigam spielt und der andere die schüchterne Braut.Was das aber mit dem Thema zu tun haben könnte, ist schon deshalb nicht klar, weil man gar nicht weiß, was das Thema überhaupt ist.Araber 1: "Wohin fliegen wir eigentlich?" Araber 2: "Keine Ahnung!" Araber 1: "Mal im Ernst." Araber 2: "Mir ist es egal." Das Beste an dem Abend ist - neben der Ausstattung vom Türkenbasar - noch der Witz von der Zigarette und dem Kondom.Die Pointe wollen wir aber nicht verraten.

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