Kultur : Wohin mit Papa?

„La demora“ aus Uruguay erhält den Preis unserer LESERJURY.

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Verflixt und zugenäht. Roxana Blanco in dem Forumsfilm „La Demora“. Foto: Berlinale
Verflixt und zugenäht. Roxana Blanco in dem Forumsfilm „La Demora“. Foto: Berlinale

Zum sechsten Mal hat die Leserjury des Tagesspiegels den besten Film des Internationalen Forums gekürt. 34 Werke sahen die neun Juroren Laurie Andraschko, Roland Bertschi, Oliver Boczek, Ole Bonin, Lilly Grossmann, Rolf Häusner, Katja Lanz, Claudia Scheede und Roger Thiel in neun Tagen – und blieben trotz der gewaltigen Bilderflut mit Leidenschaft und Spaß dabei. Entschieden haben sie sich, nach zweieinhalb Stunden hitziger Schlussdebatte, für „La demora/The Delay“ des uruguayischen Regisseurs Rodrigo Plá. Er schildet eine alltägliche Tragödie: eine alleinstehende Frau, drei Kinder, kaum Geld – und der alte, demente Vater muss auch noch versorgt werden. Beim Besuch im Sozialamt stellt sich heraus, dass die Frau mit dem wenigen, was sie als Näherin verdient, nicht arm genug ist, damit dem Vater ein kostenloser Heimplatz zugebilligt wird. Vor lauter Verzweiflung setzt die Tochter ihren Vater auf einer Parkbank aus und meldet der Behörde einen verwirrten Obdachlosen. Obdachlose dürfen nämlich ins Heim.

„Mit atmosphärischer Dichte und einer klaren Bildsprache gelingt es Regisseur Rodrigo Plá, uns den inneren Konflikt der Protagonistin ohne Sentimentalität nachempfinden zu lassen“, heißt es in der Jury-Begründung. Leider konnte der Filmemacher die Auszeichnung bei der Verleihung der unabhängigen Preise am Sonnabend in der Saarländischen Landesvertretung nicht persönlich entgegennehmen, denn er ist bereits nach Lateinamerika abgereist. An seiner Stelle bedankte sich Forums-Chef Christoph Terhechte. Alle zwei Tage waren die Juroren zusammen gekommen, um Eindrücke auszutauschen und für ihre Lieblingsfilme zu kämpfen. Auch über die Kriterien, nach denen der Preis vergeben werde sollte, wurde diskutiert. Am Ende waren vor allem zwei Fragen entscheidend: Würde ich mir den Film ein zweites Mal ansehen? Würde ich ihn selbst gerne gezeigt bekommen?

Besonders berührend: die erste Szene, in der die Tochter dem Vater beim Duschen hilft. Zwischen Schuldgefühlen, Zuneigung und Erschöpfung zeichnet Rodigo Plá von Anfang an ein feinsinniges Bild seiner stillen, eindrücklichen Protagonistin. Die Vorführung des Tagesspiegel-Leserjury-Siegers „La demora“ findet am heutigen Sonntag um 19.30 Uhr im Cinemaxx 4 statt, die Jury ist anwesend. Es gibt Restkarten. Annika Brockschmidt

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