Kultur : Wohin treibt die Neue Musik?: Hör! Mich! An!

Volker Straebel

Komponist möchte man nicht sein in diesen Zeiten. Der Fortschritt, der zur Triebfeder der kompositorischen Entwicklung des vergangenen Jahrhunderts avanciert war, hat seine Verbindlichkeit verloren. Die möglichen Revolutionen in der Musik scheinen allesamt vollzogen - wenngleich in antithetischer Manier und also meist: versöhnlich überwunden statt in aller Schärfe und konsequent zu Ende geführt.

Die restaurative Tendenz etwa, am traditionellen (bereits vor einem halben Jahrhundert bis zur Unkenntlichkeit destruierten!) Werkbegriff festzuhalten, leugnet schlicht die von John Cage formulierte, historische Position, statt sich an ihr abzuarbeiten. Letztlich folgt auch dies den Interessen des Marktes und der Institutionen, die den Betrieb der Neuen Musik heute prägen. Festivals mit ihren Kompositionsaufträgen und Orchesterkonzerten, Verlage, Verwertungsgesellschaften für Urheberrechte und freischaffende Komponisten stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis, das die aktuelle Produktion Neuer Musik (das Adjektiv "zeitgenössisch" möge hier als Charakteristikum einer Kunst vorbehalten bleiben, die tatsächlich an der Zeit ist) stärker bestimmt als ihre vermeintliche Elfenbeinturm-Existenz zunächst wohl vermuten lässt.

Ein Beispiel: Nur das abgeschlossene, in der Partitur fixierte Werk eignet sich der wiederholten Aufführung und letztlich auch der technischen Reproduktion. Nur ihm lassen sich die von Publikum wie weiten Teilen der Kritik geschätzten Rezeptionsweisen andienen, die gemeinhin von der Lust an der klanglichen Oberfläche über die Freude am Wiedererkennen von Bekanntem bis hin zur Identifikation des Autors mit dem kompositorischen Subjekt oder des Werkes mit einer außermusikalischen Idee reichen.

Solches Hören zeugt vom eklatant geringen Reflexions-Niveau, mit dem die Neue Musik sich konfrontiert sieht. Wandte die Wiener Klassik sich noch an zugegeben kleines und elitäres, aber musikalisch hoch gebildetes Publikum, gilt heute die intellektuelle wie emotionale Eingängigkeit einer Komposition unverhohlen auch als Kriterium ihrer Qualität. Literarische Programme bahnen Wege durch Instrumentalwerke, Kompositionen lassen sich nacherzählen wie Theaterstücke - und werden bei derlei"Inhaltsangaben" kurzerhand all dessen entkleidet, was, auf der anderen Seite, eine Story erst zu Literatur macht. Auf zur kollektiven Flucht vor der Neuen Musik?

Dass ein Musikstück kein solitäres Ereignis ist, sondern sich einem dichten Gewebe ästhetischer und gesellschaftlicher Kontexte verpflichtet weiß, bleibt davon zunächst unberührt. Ein angemessener öffentlicher Diskurs über aktuell Komponiertes jedoch findet außerhalb der Expertenzirkel kaum mehr statt. Die "Recensenten" - von denen Novalis einst forderte, sie sollten "die Autoren kunstmäßig, medicinisch und chirurgisch behandeln" - dienen kaum mehr als ästhetische Korrektive jenseits vorschneller Kunstrichterei; das Feuilleton hat sich vom Ort der Information und Reflexion zum Marktplatz vorhersehbarer Ereignisse und Waren entwickelt; und der Rest der Welt ist ohnehin der Meinung, dass Kunst aus sich selbst sprechen solle und der kritischen Vermittlung nicht bedürfe.

Gleichwohl erfreuen sich Konzerte mit Neuer Musik wachsender Beliebtheit - und zwar bezeichnenderweise immer dann, wenn sie die angestammten Veranstaltungsorte fliehen, sich anderen Künsten anbuhlen und ein neues, vornehmlich junges Publikum finden. Es klingt wie eine Binsenweisheit: Nur, wer sich nicht davon abschrecken lässt, dass diese Musik auch kompliziert und unverständlich sein kann, ja sein darf, , wird Erfahrungen an ihr machen - individuelle Erfahrungen mit einem zunächst fremden, sperrigen Gegenstand. Anders lässt sich der hermeneutische Zirkel - wonach das Ganze nur aus seinen Teilen, die Teile aber nur aus dem Ganzen zu verstehen sind - nicht aufbrechen. Die Gefahr besteht darin, sich mit dieser Erst- und Eigenerfahrung bereits zufrieden zu geben, statt aufzubrechen in das unwegsame Gelände der Kunst, deren Luft, um mit Ossip Mandelstam zu sprechen, "vor Metaphern dröhnt".

Großen Festivals Neuer Musik, wie der jüngst zu Ende gegangenen Berliner Musik-Biennale, kommt hier eine besondere Verantwortung zu. Nicht selten scheitern sie sehenden Auges daran. Die in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum präsentierte Vielzahl von Konzerten macht es selbst dem Spezialisten schwer, sich mit den gespielten oder gar erst uraufgeführten Werken auseinander zu setzen. Mehr oder weniger wohlwollende Programmheftprosa und gelegentliche Komponistengespräche helfen da kaum weiter. Was hier Not täte, wäre eine temporäre Präsenzbibliothek mit allen aufgeführten Partituren und Aufzeichnungen der Konzertmitschnitte.

Was jedoch eigentlich Not tut, ist die verstärkte Einbindung von Programmen mit -ausschließlich? - Neuer Musik in die Spielpläne der großen Orchester. Journalisten der BBC haben vor geraumer Zeit ausgerechnet, dass die Stadt Berlin in fünf Tagen mehr für ihre Opernhäuser ausgibt als für die Neue Musik in einem ganzen Jahr. Doch auch für diese Kunst gilt es eine Grundversorgung sicherzustellen. Diese müsste insbesondere Kammerkonzerte mit einbeziehen, denn die Kompositionsgeschichte der letzten hundert Jahre fand oft genug in kleineren Besetzungen ihre Schlüsselwerke. Das gegenwärtige Modell zur Förderung der Freien Gruppen mit seiner fehlenden Planungssicherheit für die Veranstalter ist hierfür völlig ungeeignet.

Die vergangene Musik-Biennale war die letzte unter der Ägide von Heike Hoffmann, die mit der Aufarbeitung der Neuen Musik im geteilten Deutschland in den vergangenen zehn Jahren Beachtliches geleistet hat. Der Wechsel der Leitung ermöglicht auch einen radikalen Wechsel von Programm und Veranstaltungsform, der überaus wünschenswert erscheint. Die Neue Musik muss sich mehr mit ihren Schwesterkünsten verzahnen. Die Fixierung auf deutsche und europäische Komponisten, die zaghafte Einbeziehung von experimentellem Musiktheater und Performance-Kunst, von Kunstausstellungen und Installationen - all dies manifestierte zunehmend eine dringend veränderungsbedürftige Situation. Den Zustand der Neuen Musik zu spiegeln war eines, sie und ihre Wahrnehmung bewusst zu entwickeln, ist ein anderes.

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