Kultur : Wohin? Wohin?

Die Kunst der Zurückhaltung: Kent Nagano mit Bachs Matthäuspassion in der Philharmonie

Christiane Tewinkel

Gelitten hat man an diesem Abend schon ein bisschen. Vor allem daran, dass es so wenig zum Leiden gab. Nichts hätte man weniger erwartet, als dass die Matthäus-Passion mit dem DSO unter Kent Nagano so zurückhaltend werden würde. Mitunter sogar recht zäh. Die Schwierigkeiten, die die Aufführung der für den Karfreitag 1727 komponierten Passion im Konzertsaal mit sich bringt, mit Frackzwang bei den Musikern und einer Sekt- und Flanierpause für das Publikum, sind zwar beträchtlich. Da muss erst einmal ein innerer Rahmen gefunden werden, der die Erzählung der Leidensgeschichte erlaubt, ohne sie zum Säkularevent mit „Da war doch noch was“-biblischem Hintergrund zu stilisieren.

Insofern fährt Nagano eine sichere Nummer. Als Dirigent nimmt er sich bis zur Unkenntlichkeit zurück, dort sogar noch, wo er die hellen Fragen im Eingangschor zu einzelnen Motiven zerzupft: „wie? was? wohin?“. Große individuelle Gefühle, zugleich das große, fast alttestamentarische Raunen, die beide zu Bachs Matthäus-Passion gehören, gibt es an diesem Abend kaum. Um das DSO bleibt es blass – vielleicht, damit demonstriert werden kann, wie gern man sich auch als klassisch-romantisch-modern erzogenes Orchester der Alten Musik stellt. Doch sie zu spielen, braucht es mehr als kein oder wenig Vibrato: Mut zur Gestaltung, zu Atem, Leben und ungewohnten Farben.

Auch um die Sängerriege ist es schwierig bestellt. Zwar gewinnt die Aufführung immer wieder an Tempo, gelingt es, die Wechselrede zwischen den Passionsprotagonisten spannend zu gestalten. Und wie jeder gute Evangelist, so scheint auch Martin Petzold mehr zu sprechen als zu singen. Jedoch sucht gerade er mit drastischen Überzeichnungen das Farbvakuum des Abends persönlich aufzufüllen, sodass man immer wieder um seinen Stimmsitz fürchten muss. Bernarda Finks Alt hat unerwartet herbe Tiefen, eine überaus leichte Höhe, doch können gerade ihre letzten Arien ebenso wenig fesseln wie die – eigentlich wunderbare – Grablegungsarie, die Bach für Bass vorgesehen hat, und die Detlef Roth, der sich ansonsten couragiert der Aufgabe ständig wechselnder Rollen stellt, mit Mut zu einigen Längen gibt.

Den Christus von Dietrich Henschel wähnt man derweil nicht unter seinen Jüngern und auf dem furchtbaren Weg nach Golgatha, sondern eher vor dem Übespiegel, zum Kontrollieren der schwierigen Konsonanten und Vokale, von Bauchatmung und Mundstellung. Eine Spur seiner Disziplin wäre wiederum der interessant gefärbten Tenorstimme von Steve Davislim zu wünschen. Sogar Annette Dasch, die silbrige Hochtöne aussendet und der das Kunststück gelingt, die Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ mit frommer Hingabe zu erfüllen, hat man schon freier, ja noch schöner singen hören. Vielleicht liegt es abermals daran, dass vom Pult aus so wenig Hilfe kommt, dass Nagano sich in die Arien nicht einmischt und auch seinen Chor mehr einsetzen lässt als ihn anstachelt. Kaum auszudenken, wie diese Passion unter einem Dirigenten geklungen hätte, der sich stärker engagiert hätte.

Dass man den Windsbacher Knabenchor (Einstudierung: Karl-Friedrich Beringer) ausgewählt hat, passt ins Klangkonzept dieses Abends. Süffige Phrasen sind von diesem Chor nicht zu erwarten, dicke Bassteppiche ebenfalls nicht, und auch bei den Turba-Stellen kommen die Knaben nicht gegen ausgewachsene Stimmen an, wie überhaupt ihnen jene Gehässigkeit abgeht, die man von gewöhnlichen Chören an diesen Stellen so oft hört. Dagegen ihre Artikulation! Die arglos vorgebrachte Frage an die „Ursach“ des Geschehens. Überhaupt, die Choräle in immer neuem Satz, vor allem das herrliche „Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe“!

Wir wollen nicht über die Artigkeit der Windsbacher Jungen spekulieren. Aber die Unschuld ihrer Stimmen kommt dem Bild vom Opferlamm auf eigentümliche Weise nahe; kein Erwachsener könnte die Inbrunst fingieren, die aus ihrer Wiedergabe klingt. So bringt dieses Chor-Kollektiv ein Moment von Einigung für das disparate Riesenensemble, rettet einen Abend, der immer wieder daran scheitert, einen großen Bogen über die Abfolge von Nacherzähltem und Erlebtem, von Erfühltem und Verkündetem zu spannen.

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