Kultur : Wohin zu viel Mutterliebe führt - die Verfolgungsjagd "Doppelmord"

Nadine Lange

Wenn eine Frau um ihr Kind kämpft, entwickelt sie unglaubliche Kräfte. Kein Mann sollte sich ihr in den Weg stellen - er wird auf jeden Fall verlieren. In Bruce Beresfords Thriller "Doppelmord" hat Libby Parsons sechs Jahre wegen Mordes im Gefängnis gesessen. Unschuldig. Ihr Mann - den sie getötet haben soll - hatte das Verbrechen selbst inszeniert. Anschließend setzte er sich mit dem vierjährigen Sohn und Libbys bester Freundin in ein neues Leben ab. Doch Libby kam dahinter. Jetzt ist sie frei und hat nur einen Gedanken: ihren Sohn zu finden.

Bei einer männlichen Hauptfigur hieße dieser Gedanke sehr wahrscheinlich Rache. Die ist hier jedoch unwichtig, obwohl der englische Filmtitel "Double Jeopardy" genau dieses Thema verspricht: In Amerika darf niemand für dieselbe Tat ein zweites Mal bestraft werden darf. Libby könnte ihren Mann also jetzt wirklich töten, ohne dafür angeklagt zu werden. Aber das hat sie gar nicht vor. Über ihren Mann verliert sie im Gefängnis kein Wort. Statt dessen schaut sie immer wieder auf das Foto ihres Jungen oder grübelt: Stimmt es, dass Kinder, die als Babys von ihrer Mutter getrennt wurden, diese Jahre später noch an der Stimme erkennen? Libby passt genau ins klassische Frauen- und Mutterbild, nach dem die Sorge um die Kinder alles andere verdrängt. So treten ihre eigene Erniedrigung und Qual völlig in den Hintergrund - deshalb kommen auch keine Rachegelüste auf. Libbys Suche gleicht einem Schachspiel: Sehr geschickt recherchiert sie sich mit Hilfe von Computern und Sozialversicherungsnummern immer näher an ihr Ziel heran.

Ashley Judd stattet die Libby mit einer unberechenbar kühler Oberfläche und einer zähen physischen Ausstrahlung aus - eine Upperclass-Ausgabe der gestählten Linda Hamilton aus "Terminator 2". Der Trip führt durch das halbe Land, das Beresford in imposanten Einstellungen inszeniert. Mit der Zeit wird "Doppelmord" immer bunter, um schließlich zum optisch und akustisch überbordenden Finale in New Orleans einzutreffen. Hier endet auch die zweite Jagd: An Libbys Fersen hing stets ihr Bewährungshelfer Travis Lehmann, gespielt von Tommy Lee Jones. Der hat in "Auf der Flucht" (1993) schon einmal eine Verfolgung aufgenommen. Hier zeigt er auch mal die milde Seite seines grandiosen Faltengesichts - schließlich jagt er eine Mutter.In 21 Berliner Kinos. OV im CinemaxX Potsdamer Platz und in der Kurbel

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