Kultur : Wohne lieber ungewöhnlich

Wie man Häuser und Ideologien zerlegt: Gordon Matta-Clark in der Berliner Galerie Thomas Schulte

Matthias Mühling

Aufstehen, Waschen, Zähneputzen und Rasieren: das morgendliche Ritual von Millionen Männern. Jeder tut es, und auch der Ort an dem es getan wird, nämlich im Badezimmer, ist, bis auf graduelle Unterschiede in Ausstattung und Gestaltung, gleich. Der 1943 geborene Künstler Gordon Matta-Clark aber nimmt dagegen seine morgendliche Dusche an der Uhr eines New Yorker Wolkenkratzers, dem Clocktower. „Clockshower“ heißt diese Performance von 1974, in der der Künstler vor dem riesigen Ziffernblatt in schwindelnder Höhe, eine berühmte Filmpassage des Komikers Harold Lloyd zitierend, seine Morgentoilette verrichtet. Wo sonst nur Fensterputzer unterwegs sind oder King Kong nach der weißen Frau sucht, persifliert der Künstler die strenge Normierung des Menschen in der modernen Großstadt, in dem er seine Alltagsgeschäfte aus dem Gefängnis des metropolitanen Wohnens in die abenteuerliche Freiheit einer Erstbesteigung verlagert. Das Interesse an Ausprägungen des urbanen Wohnens und Architektur und deren funktionalen Bestimmungen durch gesellschaftliche Konventionen zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk des Künstlers. Architektur bildet Macht ab und offenbart die ökonomischen, sozialen und politischen Funktionen, die mit ihr erfüllt werden sollen.

Zwischen Leerstand und Abbruch

Einem Verständnis von Architektur, das diese immer nur im engen Rahmen des Konstruktiven betrachtet, hat der ausgebildete Architekt eine gründliche Absage erteilt. Bei ihm wird nicht Stein auf Stein gesetzt, sondern er zersägt, zerstückelt und entfunktionalisiert bereits Gebautes. Zumeist rückt der Künstler mit der Motorsäge Behausungen zu Leibe, die unbewohnt auf die Abrissbirne warten. In dieser Karenzzeit zwischen Leerstand und Abbruch verwandelt er die langweiligen Zweckbauten zu geöffneten skulpturalen Objekten. Diese „Cuttings“ wurden zu Inkunablen der dekonstruktiven Architektur der Postmoderne, genauso wie sie das Fundament bilden für die heute so präsenten Kunstströmungen, die sich über einen kritischen Zugriff auf architektonische und urbanistische Konzepte definieren.

Die wohl bekanntesten Aktionen sind „Conical Intersect“ (1975) und „Office Baroque“ (1977). Für Letztere stand Matta-Clark ein fünfstöckiges Bürogebäude in Antwerpen zur Verfügung, dessen Decken er mit zwei unterschiedlich großen Kreissegmenten durchlöcherte. Konzentrisch ausgesägte Fußböden und ornamental zerschnittene Wände ergeben Einblicke und Durchblicke, die Raum und Umraum verbinden und die soziale Komponente der Architektur reflektieren. Wie ein Bildhauer arbeitet Matta-Clark die Form heraus, indem er immer mehr wegnimmt, um aus dem groben Material das entstehen zu lassen, was in ihm unsichtbar verborgen war. Plötzlich ist es für jedermann sichtbar.

Im Korsett der Funktionen

Doch ganz im Gegenteil zu Pygmalion ist Matta-Clark nicht verliebt in das Objekt, das er erschaffen hat, sondern überlässt es dem Verfall, es verschwindet am Tag des Abrisses, ist von Anfang an ein nur temporäres Geschehen, das nur im Film oder Foto festgehalten werden kann. Während Räume in ihrem Über- und Nebeneinander im strengen Korsett der Funktionen und typologischen Ordnung gefangen sind, lösen die „Cuttings“ diese auf und suchen nach einer Auffassung von Architektur, die keine festen Formen mehr nötig hat, um stattdessen flexibel auf jeweils neue soziale und kulturelle Situationen reagieren zu können.

Das Zerschneiden der Gebäude haben Matta-Clark und seine Mitstreiter immer selber vor Ort in Angriff genommen. Harte Arbeiten war Teil des Werkes. Dieses physische Erleben der Gebäudeskulpturen, welches jenseits aller Sicherheitsvorschriften an die Erfahrung des Instabilen, an die latente Gefahr gekoppelt war, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Für jene, die es verpasst haben, bleibt jedoch der Eindruck auf Zelluloid. Es ist eine kleine cineastische Sensation, dass diese Filme, die auch andere Performances und Projekte von Matta-Clark dokumentieren und die bisher nur als Videokopien vorlagen, nun das erste Mal in Deutschland in der restaurierten 16-Millimeter-Fassung in der Galerie Thomas Schulte zu sehen sind (14 Filme 1971–1977, restaurierte Fassungen, Edition 10/2,109 000 Euro, einzeln zwischen 6800 und 13 600 Euro).

Die Filme des bereits 1978 an Krebs gestorbenen Künstlers zeigen einen Akt der Emanzipation vom ästhetischen Dogma des Modernismus, dessen Dominanz am Ende der sechziger Jahre erstmalig als repressiv empfunden wurde. Ihre Wirkung reicht weit über den Rahmen des Architektonischen hinaus. Heute würde man dies Dekonstruktion nennen, weil es nicht nur ein bloßes Werk der Zerstörung ist, sondern den Hebel auch an die Grundpfeiler gebauter Ideologie ansetzt. Warum wir so phantasielos wohnen, warum mit Architektur die sozialen Klassen immer noch genauso eklatant differenziert werden wie zu Zeiten des Sonnenkönigs, warum das Reformprojekt der Moderne in Betonklötzen und sozialem Wohnungsbau stecken blieb, sind Fragen, auf die Matta-Clark auch keine konkreten Antworten wusste, die aber mit seinen subversiv witzigen Strategien überhaupt erst in den Status einer Frage aufsteigen konnten und in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rückten.

Galerie Thomas Schulte, Mommsenstraße 56, bis 26. Juli; Montag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 11–15 Uhr .

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