Kultur : Wohnen mit der Sonne

CLAUS KÄPPLINGER

Neues, innovatives Bauen verbinden wohl die wenigsten mit Berlins östlichstem Stadtbezirk Marzahn.Denn Marzahn ist "die Platte", die größte Großsiedlung der DDR, über Kilometer hinweg nichtendenwollende Wohnhochhäuser aus Betonfertigteilen.Ein Ort, den die meisten West-Berliner meiden und Berlin-Besucher, wenn überhaupt, nur zur Vollständigkeit ihres Bildes von der Stadt erkunden.Doch ganz entgegen seinem Ruf erfreut sich Marzahn bei seinen 160 000 Bewohnern großer Beliebtheit: sie wollen in ihrer Mehrheit weiterhin hier leben.Für sie entsteht bemerkenswerte, neue Architektur, beispielsweise im Norden von Marzahn, nahe der S-Bahnstation Ahrensfelde, wo sich inmitten hoher Plattenbauten ein neuartiges siebengeschossiges Niedrigenergiehaus erhebt, dem der diesjährige Deutsche Bauherrenpreis zuerkannt wurde: ein Mietshaus des sozialen Wohnungsbaus, das Energieverluste zu vermeiden versucht und eine maximale passive Ausbeutung solarer Energie anstrebt.

Wer jedoch "grüne" Architektur mit Pflanzendächern, Holzlatten und Solarkollektoren erwartet, wird enttäuscht werden.Nichts dergleichen findet sich am Haus, das als langgestreckter, gebogener Keil, ebenso elegant wie massiv, die Ecke Fläming- und Wittenberger Straße besetzt.Mit vier ganz unterschiedlichen Seiten und seiner Schräglage auf dem Restgrundstück stellt es vielmehr den Passanten vor kaum lösbare Fragen.Ähnelt seine hohe, vollständig geschlossene Stirn einer Berliner Brandwand, so öffnet es sich entlang seiner konvexen Südseite mit weiten Balkonbändern und nahezu geschoßhohen Fenstern der Sonne.Wirkt seine weitaus kürzere, nur vertikale Fensterschlitze aufweisende Nordseite fast archaisch, gleicht die scharfkantig vorspringende Ostseite wiederum dem Bug eines Ozeandampfers.

Die Berliner Architekten Assmann, Salomon und Scheidt entwickelten gemeinsam mit dem britischen Hightech-Ingenieurbüro Ove Arup ein eigenartiges Gebäude, dessen Form, Bauweise und Positionierung sich allein aus einem sehr komplexen Optimierungsprozeß erklärt.So ermöglicht der seltsame Keil ein Maximum an sonnenzugewandten, transparenten Oberflächen, deren weite Biegung nun das Sonnenlicht nicht nur von Süden, sondern auch von Westen oder Osten in die Wohnräume eintreten läßt.Die kalte Nordseite des Hauses konnte damit zugleich auf ein Minimum verkürzt werden.Um Wärmeverluste zu reduzieren, wurden dann dort auch die Öffnungen auf ein Minimum reduziert, die Wand weitgehend geschlossen und mit einer zwölf Zentimeter starken Wärmedämmung versehen.Und aus dem gleichen Grund wurde der Grundriß überaus konsequent zoniert.Als Wärmepuffer fungieren deshalb die beiden Eingänge und Treppenhäuser samt den zumeist nur nachts genutzten Elternschlafzimmern, die allen Raum entlang der Nordwand einnehmen.Die hauptsächlich genutzten Wohnräume hingegen orientieren sich ausschließlich zur transparenten, hellen Südseite.Die Küche, jeweils zwischen zwei Wohnräume eingeschoben, ermöglicht mit großen Schiebewänden sehr variable Raumgestaltungen.Im geöffneten Zustand erlauben dabei die mobilen Raumteiler nicht nur eine fast zwei Meter breite, durchgehende Wohnzone entlang der konvexen Glasfront, sondern auch die maximale Ausnutzung der seitlich einfallenden West- bzw.Ostsonne, die dann weiterhin nahezu die ganze Wohnung erwärmen und belichten kann.Dem Überhitzen während der Sommermonate beugen die breiten Balkonbänder vor, die einerseits den Bewohnern großzügige Außenräume bieten, andererseits als Verschatter mit abnehmender Breite von oben nach unten das steile Licht der Mittagssonne von den Wohnungen abhalten.Eine gute Wärmeschutzverglasung sowie die filigranen Stabgitter der Balkone erlauben im Winter reichen Lichteinfall: so reduzieren sich die Energiekosten.

Mag auch die Nordseite für ihre unmittelbare Nachbarschaft zu geschlossen und abweisend geraten sein, so weiß das Haus doch durch seine einzigartige Verbindung von architektonischer und energetischer Funktionalität zu überzeugen.56 attraktive und anspruchsvolle Wohnungen wurden geschaffen, die ihren Bewohnern trotz eines computerunterstützten Heiz- und Lüftungssystems genügend Eigenverantwortung für ein energiebewußtes Wohnen mit der Sonne einräumen.An ihrem Verhalten wird sich nun erweisen, ob das Pilotprojekt der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn und des Berliner Senats die bestehende Wärmeschutzverordnung tatsächlich um mehr als ein Drittel unterbieten kann.Wie bedeutend eine solche Einsparung wäre, zeigt sich daran, daß in Deutschland immer noch mehr als vierzig Prozent des Energiebedarfs für das Heizen, Kühlen und Beleuchten von Gebäuden aufgewandt wird.Daß es dazu nur unwesentlich höherer Baukosten bedarf - diesen Beweis hat das Haus bereits erbracht.

Marzahn gewann mit ihm zudem einen städtebaulichen Akzent, der sein Umfeld in Maßstab, Form und Bauqualität aufwertete.Jenseits der Berliner Debatten um städtebauliche Traditionen ist es solchen Häusern zu verdanken, daß hier noch Hoffnung auf die positive Kraft architektonischer Innovation und Kreativität besteht.Denn als Ausdruck eines zeitgenössischen, ökologisch bewußten Lebensgefühls stellen sie die Herausforderung, auch weiterhin nach neuen Wegen zu suchen und sich nicht mit historischen Stilzitaten zu begnügen.

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