Kultur : Wojciech Prazmowski: Auf der Suche nach den verlorenen Bildern

E. K.

An sepiagetönten Postkarten vom Flohmarkt haftet Melancholie. Feierlich blicken uns Fremde in feinem Sonntagsstaat an. Namenlose Gesichter mit unbekannten Geschichten. Die Anlässe solcher Porträts sind bekannt, über das Lebensschicksal der Abgelichteten verraten sie wenig. Umso mehr beflügeln sie die Fantasie von Wojciech Prazmowski, der antiquarische Aufnahmen zum Ausgangsmaterial eigener Arbeiten nimmt. Das Leitmotiv Vergänglichkeit zieht sich durch das Gesamtwerk des 1949 geborenen polnischen Künstlers, dem die Berliner ifa-Galerie derzeit eine Werkschau widmet (Neustädtische Kirchstr. 15, bis 15. Oktober): die erste in Deutschland. Prazmowski - neben Christian Boltanski einer der wenigen Kameramänner unter den Spurensicherern - hatte seine erste Einzelausstellung 1988 in Warschau und nannte sie - mit provokant ironischem Bezug auf die Verhängung des Kriegsrechts 1982 - "Erste Weltausstellung der verdorbenen Fotografien".

Im Gras tauchen "Verlobte" mit frischgestärkten, blütenweißen Spitzenkragen auf. Grabkreuze schweben zwischen ihnen. Auf verfallenen Backsteinmauern erscheinen junge Frauen in luftigen Sommerkleidern als vage Visionen. Prazmowski collagiert, verfremdet und überblendet seine Fundstücke auch mit eigenen Aufnahmen, denen er kunstvoll künstliche Patina verleiht. Schicht um Schicht errichtet er traumverlorene Bildgebäude. In einem verlassenen Hotel in Portugal entdeckt Prazmowski das Foto eines Jungen in Uniform. Prazmowski hat die Aufnahme in Schnipsel gerissen, um sie wie Puzzelteile wieder zusammenzusetzen und mit groben Stricken zu verschnüren. Einige dieser Fotoskulpturen nach dem Sandwich-Prinzip sind zusätzlich mobilisiert. Sie befinden sich auf improvisierten, aus Draht gebogenen Wagen, die an holprige Sargkarren erinnern - und an das Spielzeug verflossener Kindertage.

In den Neunzigern wendet sich Prazmowski wieder der reinen Fotografie zu. Für den japanischen Modekonzern Matsuda fotografiert er Models vor Ruinen maurischer Paläste, zwischen Arabesken auf bröckelndem Putz. Es entstehen poetisch phantastische Serien: von Venedig bis Thomas Mann. Als Hommage an Künstler wie Grass, Fellini (Wagen mit achteinhalb Kreuzen) oder Hitchcock baut er Skulpturen nur noch zu dem Zweck, sie zu fotografieren. Selbst mit seinen jüngsten, nüchternen Dokumentaraufnahmen in sachlichem Schwarzweiß bleibt Prazmowski seinem Thema treu. In der polnischen Provinz, wo religiöse Symbolik, letzte Relikte der Sowjetherrschaft und der westliche Konsum aufeinanderprallen, ist er den Überbleibseln des Vergangenen auf der Spur (wie auf unserer Abbildung aus der Serie "Archiv" aus dem Jahr 1994). Aus der Widersprüchlichkeit der Zeitzeichen schlägt er Spannungs-Bildbögen.

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