Wolf Biermann : Der Lautmaler

Zusammen mit seiner Frau Pamela und dem Zentralquartett gibt Wolf Biermann einen politisch-musikalischen Abend im Kammermusiksaal.

von
Wolf Biermann
Wolf BiermannFoto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Er forderte die Leute schon damals in der DDR auf, sich in ihre eigenen Angelegenheiten einzumischen. Der Satz ist immer noch aktuell. Seid wählerisch!, ruft Wolf Biermann im Berliner Kammermusiksaal an diesem Demokratie-Vorwahlabend, den der 80-Jährige auf Einladung der Berliner Philharmoniker mit seiner Frau Pamela und den Jazzern vom Zentralquartett bestreitet. Vor dem Tourneekonzert mit Brecht- und Biermann-Klassikern („Am Grunde der Moldau“, „Soldat Soldat“, „Ermutigung“) und einem wild-vergnüglichen Schlagzeugsolo von Günter Baby Sommer hatte der einst in der DDR verbotene Barde sich mit Erstwählern getroffen. Und ihnen gesagt, sie sollten wählen, was sie wollen, außer die AfD und die Linken, weil beide reaktionär seien. Spricht’s und begründet’s nicht weiter – als käme gerade die Demokratie ohne Argumente aus.

Biermann, der Barde, Selbstdarsteller und Lautmaler, der Freiheitskämpfer mit Gitarre (leider liegt das Instrument schon nach zwei Liedern wieder im Kasten), schärfster SED-Kritiker und berühmtester DDR-Dissident. Vertraute Töne, bewährte Dialektik: Der Sänger schreit wie weiland im Wohnzimmer in der Chausseestraße 131, als er nicht öffentlich auftreten durfte, er krächzt und flüstert, reichert den Weill’schen Moritatenduktus mit Klezmer-Schluchzern an, trägt aus seinen Memoiren die „JA!“-Pflichtwahlen-Erinnerung an die schlimme alte Zeit des Realsozialismus vor, intoniert schiefe Töne zur schiefen Weltlage, fasst sich an den Kopf, greift sich im geeinten Deutschland ans zerrissene Herz.

Großartig: Günter Baby Sommers Schlagzeugsolo

„In China hinter der Mauer“, „Um Deutschland ist mir nicht bang“: Biermanns schrill-selbstironische Eitelkeit hat etwas Rührendes, zumal wenn die alten Lieder so energisch aufgefrischt werden wie von Pamela Biermann und vor allem von Ulrich Gumpert und Baby Sommer, den einst aufmüpfigen DDR-Freejazzern, deren Zentralquartett-Kombo mit Henrik Walsdorff (Saxofon) und Christof Thewes (Posaune) zwei etwas jüngere West-Zugänge verzeichnet. Die Freiheit, ein Fluch, ein Segen, betont Biermann auch noch. Und rahmt den Abend mit Brechts Kinderhymne als Wunsch-Nationalhymne für ein besseres Deutschland – eines Tages, vielleicht. Anmut sparet nicht noch Mühe: Etwas mehr Anmut wünscht man seinem Gesang irgendwann auch. So viel Freiheit muss sein.

Autor

2 Kommentare

Neuester Kommentar