Kultur : Wolf Karnagel: Wer formen will, muss fühlen

Moritz Schuller

Sie habe einen Kunden, erzählt die Verkäuferin am Wilkens-Stand im KaDeWe, der jederzeit zusammengerollt ein komplettes Silberbesteck bei sich führe. Einschließlich Austernmesser. Man wisse ja nie, sei dessen Antwort gewesen, ob man nicht plötzlich zum Essen eingeladen würde und dann brauche er sein eigenes Silber. Wahrscheinlich befindet sich auch das eine oder andere Epoca-Teil in dieser tragbaren Silbersammlung, jenes Besteck, das Wolf Karnagel für die Firma Wilkens entworfen hat.

Viele Design-Fans sind billiger an ihr Karnagel-Besteck gekommen. Sie haben es bei der Lufthansa geklaut. Das spricht für die "hohe Akzeptanz", sagt Karnagel lächelnd und erzählt, dass die Lufthansa ihre Fluggäste nach der Ankunft regelrecht gefilzt hätte. 120 Einzelteile entwirft Karnagel Mitte der achtziger Jahre für das Unternehmen, die gesamte Bordausstattung vom Geschirr über das Besteck bis zum Ketchup-Tütchen und den Tabletts. Für Karnagel, der sich bis dahin bei Rosenthal und Hutschenreuther mit eigenen Tafelprogrammen einen Namen gemacht hatte, ist der Lufthansa-Auftrag Neuland. Viele Woche flog er damals durch Europa, um Fluggeschirr im Gebrauch zu studieren. Die Lufthansa schickte ihm 15 Aktenordner mit Vorschriften, vor allem sollte alles so leicht wie möglich sein. Gewicht ist Geld im Fluggeschäft, und für Karnagel hieß das: Porzellan oder Kunststoff. "Ich hatte ausgerechnet, dass ein Jumbo, der über den Atlantik fliegt, im Jahr für über 300 000 Mark mehr Sprit verbraucht, wenn man für die acht Leute in der Ersten Klasse Porzellan ausdeckt und nicht Kunststoff." Er entschied sich dennoch für Porzellan und sparte das Gewicht anderswo ein.

Porzellan bestimmte von Anfang an Karnagels Design-Karriere, geplant hatte er das nicht. In den sechziger Jahren studierte Karnagel bei Bodo Kampmann in Braunschweig Formdesign. Damals entwarf er auch technisches Gerät. Doch seinen ersten Job bekam er bei der KPM, für den er 1967 nach Berlin zog. Als er das Traditionshaus nach nur zwei Jahren verließ, wechselte er zu Rosenthal. Philip Rosenthal, sagt Karnagel heute, war ein Despot. Aber auch ein Visionär. Die Zusammenarbeit war eine glückliche: Karnagels Tafelservice "Plus" war ein Erfolg auf Anhieb und blieb überdurchschnittlich lange im Programm. Zwei weitere Geschirrreihen folgten, dann ging Karnagel, mit ebenso großem Erfolg, zu Hutschenreuther.

Sein Stil blieb der alte: schlichte Formen, nicht weil er weglässt, sondern sich auf das Elementare beschränkt. Und für Gläser, Messer, Gabeln heißt das vor allem: die Berührung mit der Hand. Immer wieder fügt er Griffe an, die Gläser verzieren ganz unauffällig Halteränder. Haptisch ansprechend sollen seine Entwürfe sein und zugleich praktisch: Seine Tassen lassen sich stapeln, mit und ohne Untertassen. "Der geistige Überbau bleibt bei mir das Bauhaus", sagt er, ohne daraus viel Aufhebens zu machen. Walter Gropius hat er noch selbst kennen gelernt. "Bis zur kleinsten Einzelheit sind seine Formen empfunden", schreibt ein Kritiker, "gleichzeitig aber auch praktisch im Gebrauch, praktisch in der Kombination mit anderen Formen und praktisch in der dauernden Verwendung."

Vergänglichkeit bleibt das Schicksal jeder Geschirr-Serie. Noch ist das meiste bei der Lufthansa im Gebrauch, doch zehn Jahre, sagt Karnagel, sei für eine Serie schon ein lange Zeit. Dennoch fehlt dem 60-Jährigen die Freude an der Vergänglichkeit. "Deutschland war einmal der größte Porzellanhersteller der Welt. Das ist vorbei." Nicht der Verlust nationaler Vormacht macht ihm Sorgen, sondern der Verlust jahrhunderte alter Techniken und traditioneller Formen. "Heute wird Porzellan nur noch kommerziell gehandhabt, und was dabei herauskommt, ist allenfalls Mittelmaß."

Rosenthal, Hutschenreuther - längst keine eigenständigen Firmen mehr. Karnagel, der für diese großen Häuser Großes geleistet hat, beobachtet den Prozess mit Unglauben. "Ich bin ein Einzelkämpfer", sagt er und könnte hinzufügen, "aus einer anderen Zeit". Aus einer Zeit nämlich, als fein gearbeitetes Geschirr noch sozial verankert war, als Porzellan noch ein Kulturgut war. "Das ist vorbei", sagt Karnagel und klingt wie ein Lateinlehrer, dem die Schüler davonlaufen. Er arbeitet nicht mit dem Computer, weil der wie ein Droge verführt. Er schweißt seine Rohlinge selbst, um zu spüren, wie sich das Besteck anfühlt oder wie sich die Kanne gießen lässt. Er will die Schritte vom Entwurf zur Ausführung selbst kontrollieren, ausprobieren und nach ausgefallenen Lösungen suchen - Dinge, die sich heute keine Manufaktur leisten will. "Wenn man 80 000 Teller an einem Tag herstellen kann, dann überschwemmt das die alten, individuellen Formen, die man bei der KPM noch findet."

Für Karnagel ist das Kulturverfall: "Jetzt macht Versace Porzellan und deren Programm ist wirklich das Letzte. Pseudohistorisch und vollgekleistert mit Farbe und Gold." Vor einigen Jahren versuchte Karnagel mit einem Freund in Spanien eine Manufaktur aufzubauen, wie sie noch immer sein könnte: alte Techniken, kreative Lösungen, genossenschaftliche Organisation. Eine übersichtliche Struktur und viel Elan. "Das war wunderbar. Wenn Not am Mann war, blieb man die ganze Nacht." Doch die "Toro Ceramica Valencia", der Traum Karnagels, ging pleite, weil der versprochene Abnehmer absprang. "Das war Absicht", sagt Karnagel, der bei dem spanischen Projekt eine halbe Million Mark verloren hat.

Karnagels Begeisterung fürs Porzellan hat auch diesen Konkurs überlebt. Für Kahla hat er vor einigen Jahren ein wunderbar schlichtes Gebrauchsporzellan entworfen, das sich in vielen Kantinen und Mensen finden lässt. Stapelbares Geschirr, das für weniger als 200 Mark pro Service zu haben ist. "Hochwertige Dinge müssen nicht teuer sein", sagt Wolf Karnagel, als ob er untermauern wollte, wie traditionell er ist. Das ist er, im besten Sinne.

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