Wolf Lepenies zum 70. : Turmbewohner mit Weitsicht

Witzig, weise, weltläufig: Dem Kultursoziologen und handelnden Intellektuellen Wolf Lepenies zum 70. Geburtstag.

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Berliner Geistesgröße. Wolf Lepenies leitete das Wissenschaftskolleg und lehrte viele Jahre an der FU. Foto: Ullstein /Friedrich Foto: ullstein bild - Friedrich
Berliner Geistesgröße. Wolf Lepenies leitete das Wissenschaftskolleg und lehrte viele Jahre an der FU. Foto: Ullstein /FriedrichFoto: ullstein bild - Friedrich

Im Mainstream der jeweils aktuellen intellektuellen Kampfszenen und Geplänkel wird man nur selten auf ihn stoßen. Unter den Kombattanten des Historikerstreits zum Beispiel, dem Paradestück bundesrepublikanischer Streitfälle, findet er sich nicht. Offene Briefe? Unterschriftenlisten? Nicht dass man wüsste. Auch als Wissenschaftler bewegt sich Wolf Lepenies eher jenseits der Bahnen, die sein Fach, die Soziologie, in den letzten Jahrzehnten eingeschlagen hat. Ist es ein Mangel? Wolf Lepenies ist sein eigener Mainstream.

Dieser Großintellektuelle, der, höflich, witzig, weltläufig, eher dem amerikanischen Gelehrtentypus entspricht, ist in der deutschen Wissenschafts- und Bildungslandschaft eine der herausragenden Erscheinungen, vielleicht derzeit die bemerkenswerteste, in Berlin allemal. Als Wissenschaftler hat er es unternommen, die Kultursoziologie, eine alte deutsche Passion, zu erneuern und auf neue Felder zu führen. Als Rektor des Wissenschaftskollegs, dem deutschen Denk- und Forschungs-Olymp, hat er Maßstäbe gesetzt. Außerdem kann man ihn immer wieder lesen und hören – ein origineller, überzeugender Redner, ein Autor, der ebenso mit einem Gedenkblatt für den Freiherrn von Knigge zu brillieren weiß wie mit Glossen zum amerikanischen Wahlkampf.

Bei allen diesen Aktivitäten versteht Wolf Lepenies sich durchaus als Mann mit einer öffentlichen Berufung, als – dem eigenen Leitbild entsprechend – „handelnder Intellektueller“. Dass er nicht Senator oder Kulturstaatsminister geworden ist, liegt allein daran, dass er sich nicht entschließen mochte, dem politischen Werben nachzugeben. Dass es 1999 erst der CDU-geführte Berliner Senat war, der da fragte, dann, ein Jahr später, der SPD-Minister Michael Naumann auf der Suche nach seinem Nachfolger, zeigt, wie sehr Lepenies über den parteipolitischen Wassern schwebt. Dafür ist die Zahl seiner Ämter in Akademien und Stiftungen, der Preise und sonstigen Auszeichnungen kaum noch zu übersehen.

Nach Lepenies’ Auffassung soll Wissenschaft nicht dadurch politisch wirken, dass sie sich in den Dienst von Programmen stellt, sondern durch ihren Charakter. Durch Erkenntnis, Aufklärung, Erfahrungsvermittlung. Sie kann, davon ist Lepenies überzeugt, auf den gewaltigen Konfliktfeldern der Gegenwart dazu beitragen, dass Gesellschaften zu verlässlicheren Formen und Figuren des Zusammenlebens gelangen. Zum Beispiel könne sie helfen, dem vielbeschworenen Krieg der Kulturen die historische und ideologische Rechtfertigung zu entziehen, um – bei allem Dissens – einem vernünftigen Umgang den Weg zu bereiten. Freilich eben als Wissenschaft: „Es gibt Elfenbeintürme, von denen aus man weit sieht“, lautet ein Lepenies-typisches Bonmot.

Wolf Lepenies hat die Probe auf dieses Wissenschaftsverständnis gegeben mit der Dynamik, die er und das Wissenschaftskolleg entwickelten, als sich in Europa die große Wende von 1989 anbahnte. Eingedenk der wichtigen Rolle, die Kultur und Wissenschaft als Antrieb des säkularen Umbruchs gespielt haben, öffnete sich das Kolleg für osteuropäische Intellektuelle. Zugleich weitete Lepenies dessen Wirkungskreis netzwerkartig aus, mit Tochtergründungen in Budapest und Bukarest: Ein „Lernabenteuer“ nennt er es im Rückblick. Es sollte Grenzen überwinden, die osteuropäischen Länder mit den westeuropäischen Entwicklungen bekannt machen – nicht zuletzt um die europäischen Residuen, die dort fortbestanden hatten, zu stärken.

Überhaupt ist der Gedanke der Vermittlung, der umsichtigen, einfühlsamen Moderation und Kommunikation eine Schlüsselfigur von Lepenies’ Denken und Wirken; auch weil es das kritische Überdenken der eigenen Selbstverständlichkeiten stets mit einschließt. Er hat diese Vermittlung auf unterschiedlichen Feldern stimuliert und praktiziert – im Arbeitskreis des Kollegs zu „Moderne und Islam“ ebenso wie in Bezug auf Juden und Palästinenser. Dahinter steht seine Überzeugung von der Notwendigkeit einer Praxis, die er auf den Begriff einer „Politik der Mentalitäten“ gebracht hat. Sie meint die auf lange Sicht angelegte Anstrengung, den Ungewissheiten, Brüchen und Frontstellungen unserer Welt durch Revisionen und neue Identitäten, durch Öffnung und Veränderung der Lebensstile zu begegnen.

Diese Aktivitäten sind in ein Wissenschaftlerleben eingebettet, das weite Bögen durch Kulturen und Zeiten schlug. Lepenies hat das 18. und 19. Jahrhundert durchpflügt, in Frankreich vor allem, dazu die anglo-amerikanische Welt, nicht zuletzt hat er sich am deutschen Sonderweg abgearbeitet. Über drei Jahrzehnte Professor an der FU, hat er immer wieder in Frankreich und Amerika geforscht, am College de France wie am Institute for Advanced Study in Princeton. Als ihm 2006 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen wurde, war das die Krönung eines bedeutenden Lebenswerks.

Dazu gehört auch die Gabe, sein Publikum immer wieder zu überraschen. Als er Institute gründend durch Osteuropa kurvte, arbeitete er auch an einem Buch über den französischen Literaturkritiker Saint-Beuve, in dem er einen heimlichen Soziologen an der Schwelle zur Moderne entdeckte. Er faszinierte und amüsierte als Rektor des Wissenschaftkollegs mit seinen leichtfüßigen Vorstellungen von Gästen und Vorträgen, ließ sich aber zugleich auf das schwerblütige deutsche Thema des Verhältnisses von Kultur und Politik ein: mit einem Buch, das unter dem Titel „Kultur und Politik. Deutsche Geschichten“ herb mit der deutschen Rolle der Kultur ins Gericht geht.

Jedes Leben hat Schlüsselerlebnisse. Für Wolf Lepenies ist es der Blick auf das brennende Dresden, den der Vierjährige auf der Flucht aus Ostpreußen erhascht, während der Vater als Nachtjäger am Himmel über der Stadt im Einsatz ist. Unpathetisch wie er ist, hat ihn das zu der Frage veranlasst, ob er zu jener Generation gehöre, die gerade noch rechtzeitig zu spät gekommen ist, aber nicht mehr zu den Opfern möglicher künftiger globaler Krisen gehört. Er ist überzeugt davon, dass aus diesem Ort in der Zeit eine besondere Verantwortung für die Zukunft erwächst. Auch das spricht für Wolf Lepenies, den großen Denker, der am heutigen Dienstag 70 Jahre alt wird.

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