Kultur : Wolfgang Gruner: Stachelschwein gehabt

chs

Das fanden die Wirtschaftswunderdeutschen des Jahres 1960 überhaupt nicht lustig: Ausgerechnet im Kino der jüngsten Vergangenheit zu begegnen. Wolfgang Neuss pinselte in seinem Anti-Heimatfilm "Wir Kellerkinder" Hakenkreuze an Hinterhofwände, wo doch die Menschen möglichst schnell vergessen wollten, dass es das überhaupt gegeben hatte: Hakenkreuze und Wände, an denen andere Menschen erschossen worden waren. Seine Satire traf den Nerv der Zeit - und floppte. Der Mann, der Neuss den Farbeimer hielt, war Wolfgang Gruner. Im Film spielen sie in einem Jazz-Keller, begleitet von Jo Herbst, den Badenweiler Marsch, Hitlers Lieblingsmarsch, in einer Bebopversion, und die Nachbarn tanzen Swing. Und irgendwann sagt Neuss, der Trommler, über seinen Mann am Klavier: "Er drückt die Tasten seines Gehirns wie eine zehnfingrige Gershwin-Harmonie". Das ist die ziemlich präzise Beschreibung einer humoristischen Arbeitsweise: Während Neuss seine Pointen wie Paukenschläge setzte, entsprangen Gruners Witze einem mitunter plätschernden, meist aber schneidig scheppernden Endlosakkord aus Bühnentext und Stegreifgedanken. Gruner, der heute vor 75 Jahren im brandenburgischen Rathenow geboren wurde, ist neben Dieter Hildebrandt der letzte Schnellsprecher des deutschen Kabaretts. Als er 1950 bei den wenige Monate vorher gegründeten "Stachelschweinen" einstieg, war er gerade erst aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. Ob er in über fünfzig Programmen der "Stachelschweine" den Mann von der Straße gab oder sich als Taxifahrer "Fritze Flink" oder Straßenfeger "Otto Schruppke" durchs Fernsehen quasselte: In seiner Unbeirrbarkeit wirkt er wie die moderne Version jenes Eckenstehers Nante, der mit Berliner Schnauze die Zeitläufte kommentiert. Für Geburtstagsfeiern bleibt Gruner wenig Zeit, die Proben fürs nächste Programm stehen bevor. Titel: "Durch diese hohle Kasse muss er kommen."

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