Kultur : Wolfgang Hilbig im Interview: Des Zufalls schiere Ungestalt

"Das Provisorium" im letzten Jahr war nach langer

Wolfgang Hilbig, am 31. 8. 1941 in Meuselwitz (Sachsen) geboren, gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern. Er arbeitete zunächst als Heizer im Braunkohletagebau. Seine ersten vier Bücher erschienen illegal in der Bundesrepublik, in die er 1985 ausreiste. Dort schrieb er die Erzählwerke "Die Weiber" (1987) und "Alte Abdeckerei" (1991) sowie die Romane "Ich" (1993) und "Das Provisorium" (2000). Hilbig erhielt zahlreiche Literaturpreise - den wichtigsten, den Büchner-Preis, merkwürdigerweise noch nicht.r gilt als "naiver" Dichter im Sinne Schillers, der mit der medialen Öffentlichkeit nicht so recht kompatibel ist. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag.

"Das Provisorium" im letzten Jahr war nach langer Zeit wieder das erste Buch von Ihnen, eine Abrechnung mit der eigenen Biografie. War das ein Schlussstrich oder ein Neuanfang?

Ich hatte beim Schreiben das Gefühl, nicht mehr so richtig ein DDR-Autor zu sein. Wahrscheinlich ist das durch die Distanz passiert. Es handelt sich bei dem Protagonisten ja um eine Figur in der dritten Person, was für mich bis jetzt nicht die Regel war.

Sie hatten sich als DDR-Autor gefühlt?

Ich wurde durch die Umstände dazu gemacht. Ich habe meine ersten vier Bücher illegal im Westen veröffentlicht, aber ich bin natürlich immer als DDR-Autor behandelt worden.

In Ihrer Kamenzer Dankrede zum sächsischen Lessing-Preis 1997 bekannten Sie sich in einer Weise zum Osten, die für viele angesichts Ihrer Biografie überraschend kam.

Ich habe mich selbst gar nicht so sehr als Ostler bekannt. Aber ich hatte die Feststellung gemacht, dass nach dem Verschwinden der DDR die Leute dort endlich gemerkt haben, dass sie den Bundesbürgern nicht vollkommen gleichen - was sie eigentlich immer wollten. Sie hatten eine andere Identität, die vielleicht sogar eine abweichende Nationalität zur Folge hatte. Ich glaube, dieses Land war mittlerweile eine andere Nation geworden. Das lag bestimmt auch an der Situation des Eingeschlossen-Seins.

Und Sie gehörten mehr dazu, als es zunächst schien?

Mehr als Mensch, weniger als Autor.

Lag der Schreibansatz des "Provisoriums" in dieser Irritation?

Ich wollte beschreiben, was mit einem DDR-Bürger passiert, der aus einer finsteren Industrielandschaft des Ostens in die strahlende Fußgängerzone von Nürnberg versetzt wird. Was nimmt so einer von dieser Atmosphäre wahr? Die ist irgendwie schockhaft. Es handelt sich um eine zugespitzte Situation, die fünf Jahre später, 1989 / 90, vielen DDR-Bürgern passiert ist. Mein Protagonist allerdings kommt allein dorthin. Er hat niemand, mit dem er darüber reden kann. Ich habe nie so genau verstanden, was damals mit mir passiert ist. Das ist für mich immer ein Schreibansatz: wenn ich irgendetwas nicht verstehe. Ich verstehe es durch das Schreiben auch nicht besser, aber vielleicht gewinne ich so eine Distanz dazu.

"Das Provisorium" ist im Stil anders als ihre vorangegangenen Bücher. Es gibt kaum lyrisch verdichtete Stellen, es ist alles sehr direkt und realistisch.

Vieles ist erfunden.

Doch die Schreibhaltung ist eine ganz andere.

Das hat mit der Distanz zu tun, mit der Perspektive der dritten Person. Man kann nicht unbegrenzt mit dem Kopf einer anderen Figur denken, anders als bei einer Ich-Figur.

Vorher war die Fiktion bei Ihnen im Vordergrund. "Das Provisorium" dagegen hat über weite Strecken etwas Reportagehaftes.

Durch den Zeitabstand fielen bestimmte Scheuklappen, Zensurprobleme weg, weil es die DDR ja nicht mehr gab. "Zensur", das meine ich jetzt weniger politisch, sondern psychologisch. Freud spricht von "Traumzensur" - die fiel bei mir dann einfach weg.

Wie sah diese psychologische Zensur aus?

Wenn man Ich-Erzählungen schreibt, wie ich es früher meistens tat, wird man dauernd mit der Figur verwechselt. Es kann ein Marsmensch sein, der in der Ich-Form erzählt: Trotzdem wird der Autor mit ihm gleichgesetzt. Es war mir auch beim "Provisorium" immer klar, dass ich mich beschreibe. Aber durch die formale Distanz sah ich mich eher von außen, als Figur. Einer literarischen Figur kann man sonstwas andichten, die größten Schweinereien. Es ist das Autobiografischste meiner Bücher, trotzdem kann ich mich dahinter verstecken.

Was genau wurde durch die Ich-Form vorher zensiert?

Es hat etwas mit Schamgefühlen zu tun. Ein sich erbrechender Trinker ist schon eine unangenehme Gestalt.

In vielen Kritiken stand: Hilbig hat sein Thema verloren.

Das haben sie bei "Ich", 1993, auch schon gesagt.

Was kommt jetzt?

Ein Band mit Kurzprosa ist fast schon fertig. Die Hauptfigur ist ein Kind, und das ist schon ein Verweis darauf, dass es wieder in der DDR spielt, sogar in der DDR vor der Mauer. Diese Zeit habe ich bisher nie beschrieben.

Man kann also nie davon ausgehen, dass sich Ihr Stoff erschöpft habe?

Das läuft nicht so chronologisch ab.

Zu Ihrem 60. Geburtstag erscheint ein schön gestalteter Band mit 30 Gedichten, die meisten neueren Datums.

Viele dieser Gedichte, die neu aussehen, hatte ich schon lange daliegen, manchmal bloß eine Zeile. Ich bin oft in den Ansätzen stecken geblieben.

Der Titel heißt "Bilder vom Erzählen". Es ist also paradoxerweise ein Gedichtband, der vom Erzählen handelt.

Das Titelgedicht zeigt in Bruchstücken, wie jemand versucht, zu schreiben. Als ich, als Kind, mit dem Schreiben anfing, waren das Versuche von Erzählungen. In diesem Gedichtband gibt es Prosagedichte, die in einem Kurzprosaband stehen könnten; es gibt viele, von denen ich nicht weiß, wohin sie eigentlich gehören. Diese Zwischenform reizt mich. Das gibt es im Deutschen sonst selten. Bei Ernst Stadler gibt es so etwas, das ist ein Mann, der mich fasziniert, überhaupt bei den Expressionisten.

Wie fing das damals an, in Meuselwitz, im Braunkohlegebiet, wie kamen Sie dort mit Literatur überhaupt in Berührung?

Das frag ich mich auch immer. Ich bin überhaupt nicht erzogen worden, in meiner so genannten Familie, in den Bruchstücken von Familie, in denen ich aufgewachsen bin. Außerdem war ich von früh bis abends allein in der Wohnung. Mir hat nie jemand gesagt, was ich werden soll, was ich machen soll. Ich kann es mir nur so erklären: Wenn einer ohne den geringsten Anhaltspunkt aufwächst - dann wird er automatisch Schriftsteller. Dann hilft nur noch Artikulation. Das Schreiben war auf jeden Fall ein fast körperliches Bedürfnis. Ich habe zuerst mit einem Freund Fortsetzungsromane geschrieben, Western oder Seeräubergeschichten, die unter den Schülern reißenden Absatz fanden. Aber nebenbei immer noch etwas, was ich niemandem gezeigt habe. Irgendwann sagte ich mir dann: Das Andere interessiert mich mehr. Aber das war natürlich auch bloß wieder Imitation. Aufs Gedichte schreiben bin ich gekommen, weil ich versucht habe, romantische Prosa zu imitieren, und in diese Prosa sind ja immer Gedichte eingebettet. Das habe ich versucht, nachzumachen, und dann blieben die Gedichte übrig.

In Ihrem neuen Band haben Sie sich selbst ein Gedicht zum 60. Geburtstag geschrieben. "Ich bin des Zufalls schiere Ungestalt", heißt es da.

Auslöser für dieses Gedicht war, dass in den letzten Jahren reihenweise in Berlin Schriftsteller gestorben sind, die jünger sind als ich - Libuse Monikova, Clemens Eich, jetzt kürzlich erst Peter Brasch. Mein Freund Horst Drescher sagt immer zu mir: "Du hättest ja längst kaputtgehen müssen."

Ein anderes Gedicht beginnt: "Nun bin ich alt und in den Staub geworfen"...

Das hat natürlich auch damit zu tun. Und es stellt sich die Frage: Wie verteilt man die Texte, die man im Kopf hat, über ein immer länger werdendes Leben? Man kann nicht immer solche Explosionen schreiben wie "Die Weiber" oder "Alte Abdeckerei" - wie verteilt man so etwas? Was wird daraus? Man kann mit 60 nicht so expressiv schreiben wie mit 25. Und durch die Literaturkritik und die Literaturwissenschaft hat man Angst, sich zu wiederholen. Diese Angst wird einem geradezu injiziert.

Nehmen Sie die Literaturkritik so ernst?

Es kann passieren, dass sie mir zusetzt. Aber ich habe genügend Verdrängungsmöglichkeiten. Da hilft einfach nur, etwas zu schreiben. Trotz ist ein guter Antrieb für mich.

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