Kultur : Wolfgang Staudtes Frühwerk aus dem Jahr 1944

Jan Gympel

Zum Begriffsinventar von Diktaturen gehört die Vorstellung eines allmächtigen, perfekt organisierten "Systems". Auch der Nationalsozialismus wird oft so gesehen - und war doch nicht gänzlich monolithisch. Ein Beispiel für das Durcheinander, das sich beim Blick hinter die Fassade zumindest der Kulturindustrie offenbaren kann, ist Wolfgang Staudtes Frühwerk Der Mann, dem man den Namen stahl. Zwar wurde der 1944 entstandene Film, der seinem Regisseur fast die Abkommandierung zur Front eingebracht hätte, im Dritten Reich nicht mehr aufgeführt. Doch wie konnte er überhaupt gedreht werden? Denn die Geschichte von der kafkaesken Odyssee des Fridolin Biedermann (Axel von Ambesser), der - ohne Papiere - versehentlich für tot erklärt wird und so gar nicht mehr existieren sollte, ist nicht nur eine ohnehin schon kühne Attacke auf den sich omnipotent wähnenden Staat und seine Bürokratie. Er bekommt auch einen besonders gespenstischen Unterton, wenn man bedenkt, dass zu seiner Entstehungszeit das Fehlen bestimmter Papiere lebensgefährlich war und der deutsche Staat all jene hemmungslos eliminierte, die seiner Doktrin zufolge nicht existieren sollten. Zudem entspricht die Bedrohung, der sich der bis dahin unauffällige Protagonist durch eine derart wild gewordene, völlig irrationale Obrigkeit ausgesetzt sieht, jener Willkür, mit der stets in Diktaturen zu rechnen ist. - Holger Theuerkauf von der Stiftung Deutsche Kinemathek hat vor einigen Jahren die Rekonstruktion des lange verschollenen, rasant inszenierten Werkes besorgt. Heute um 20 Uhr wird er vor der Aufführung von "Der Mann, dem man den Namen stahl" in der Urania eine Einführung halten.Aus der Serie "Delikatessen"

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