Kultur : Wolfgang Thierse will, dass sich Christen wieder mehr einmischen

Raul Fischer

Eigentlich ist die Kirche als politische Macht erledigt. Adenauers katholisches Bonn ist passé, Deutschland ist nach 1990 mitnichten protestantischer geworden, der Osten ist mehrheitlich atheistisch. Religion ist Privatsache, mit der man seinen Nachbarn nicht behelligt - hofft mancher Kirchengegner. Kirche wird zu einem exklusiven Clübchen, das unbeachtet von der Allgemeinheit sein Heil sucht. Damit haben sich manche Christen schon abgefunden.

Nicht so der Bundestagspräsident. Wolfgang Thierse hat ein Buch herausgegeben, das diesem Konsens widerspricht. Der Titel: "Religion ist keine Privatsache". Darin nehmen SPD-Politiker und Wissenschaftler gegen den Rückzug der Kirchen aus der Öffentlichkeit Stellung. Welche Rolle sollen sie aber heute spielen? An einer grundsätzlichen Trennung zwischen Kirche und Staat wird nicht gerüttelt. Der Staat garantiert seinen Bürgern Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Kirchen sind autonom. Der Staat sei weltanschaulich neutral - aber nicht "wertneutral", schreibt Kurt Beck. Und über Werte wie Solidarität unter Arbeitnehmern, und wie neue Arbeitsverhältnisse diese fördern oder nicht, müsse gestritten werden, zeigt der Jesuit Hans Langendörfer, nicht nur, wie diese politisch durchsetzbar seien. Die Abwendung der Politik von Inhalten hin zu Pragmatismus und Medienwirksamkeit birgt laut Langendörfer noch ein weiteres Risiko: Sie gefährdet die Annäherung von Kirchen und SPD. Im Kampf für Beschäftigte und Arbeitslose, Ausländer und Asylanten gab es seit den 60ern gemeinsame Ziele. Davon erzählen die Beiträge von Hans-Jochen Vogel oder Georg Leber.

Eine späte Zuneigung, denn Katholische Kirche und SPD waren die längste Zeit Feinde. Katholiken war die Konzentration der SPD auf den Klassenkampf suspekt, für die Sozialdemokraten war Kirche Teil der Macht, Religion Vertröstung aufs Jenseits. Wie belastet das Verhältnis war, schreibt Georg Leber: Seine Mutter, streng katholisch erzogen, sei erschüttert gewesen, als sie 1952 von der Beichte zurückkam. Leber arbeitete damals bei der Gewerkschaft und war in der SPD engagiert. Genau deswegen redete ihr der Beichtvater ins Gewissen: Gott werde sie dafür zur Rechenschaft ziehen - 1968 wurde Georg Leber als erster SPDler Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Das Buch zeigt: Der Traditionsgemeinschaft zwischen Katholiken und CDU ist ein Gegenstück erwachsen - der Dialog zwischen Katholiken und SPD.Wolfgang Thierse (Hg.), Religion ist keine Privatsache, Patmos Verlag Düsseldorf, 343 Seiten, 39,80 Mark

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