Wolfsburg : Zum Tee bei Klee

Der Westen und der Ferne Osten: Das Wolfsburger Kunstmuseum testet die Tragfähigkeit der Moderne, indem es westliche Kunstwerke mit asiatischen Gegenständen kombiniert.

Nicola Kuhn

Was hat ein Samurai-Schwert mit einem Streifen-Bild von Barnett Newman zu tun? Was verbindet eine kunstvoll mit Goldkitt wieder zusammengefügte japanische Teeschale des 17./18. Jahrhundert mit einem Werk von Paul Klee? Und worin besteht die Verwandtschaft zwischen einem monochrom roten Gemälde von Rupprecht Geiger und einer Vase der Yayoi-Zeit (200 v. Chr. bis 250 n. Chr.)? Für den Besucher des Wolfsburger Kunstmuseums ist die Antwort evident. Der Schnitt durch den Raum, den das Samurai-Schwert suggestiv spürbar macht, weckt Assoziationen an die Messer-Attentate, die Newmans Werke mehrfach im Museum provozierten. Die kunstvolle Betonung der Benutzungsspuren einer über 200 Jahre alten Teeschale findet ihre Erwiderung in den abstrahierten Bildzeichen von Paul Klee. Und Rupprecht Geigers feuerrotes Farbschwirren besitzt eine ähnliche meditative Kraft wie das vor zwei Jahrtausenden geschaffene irdene Gefäß, das seine bauchige Form ebenfalls aus archaischer Unendlichkeit gewonnen zu haben scheint.

In Wolfsburg erleben je siebzig Kunstwerke westlicher Provenienz sowie entsprechende Gebrauchsgegenstände des Ostens eine programmatische Begegnung, jedoch nicht als culture-clash, sondern in Form eines kultivierten Dialogs. Dafür wurden in die 40 mal 40 Meter große Ausstellungshalle eigens zwanzig Mini-Cubes eingebaut, damit sich das Gespräch in konzentrierter Atmosphäre entspinnt. „Japan und der Westen. Die erfüllte Leere“ ist dieses Gipfeltreffen überschrieben. Es stellt für Markus Brüderlin, der im vergangenen Jahr den Gründungsdirektor Gujs van Thijl im Amt beerbte, einen „historischen Meilenstein“ in seiner künftigen Ausstellungsplanung dar.

Hier in Wolfsburg will der gebürtige Schweizer ein „ästhetisches Suchprogramm“ starten und das Projekt der Moderne auf seine Tragfähigkeit hin prüfen, hier, wo im 20. Jahrhundert die einzige Stadtneugründung Europas vollzogen wurde. In keiner anderen Stadt Deutschlands lassen sich die Folgen globaler Prozesse auf lokaler Ebene so vielschichtig beobachten, ist der Kunsthistoriker überzeugt, der zuvor in Basel die Sammlung Beyeler betreute. Das heißt, die im Fernen Osten aus dem Boden schießenden Megacitys könnten in Wolfsburg ein Modell für ihre Problemstellungen finden.

Mit der Ausstellung „Japan und der Westen“ hat Brüderlin auch schon eine Antwort auf die Fragen der Zukunft parat. Denn hier reagiert er auf das laute Treiben unserer Zeit, die Inflation der Bilder und nicht zuletzt auf die im Wolfsburger Kunstmuseum bislang bevorzugte „Pop-Ästhetik“ mit der Kraft der Stille, der Wucht der Leere. Diese hatten die Architekten der Moderne, Taut, Gropius und Loos, entdeckt; nach ihnen kamen die Minimal-Künstler Donald Judd und Carl Andre. Umso erstaunlicher, dass die konkrete Gegenüberstellung noch nie Thema einer Ausstellung gewesen sein soll.

Brüderlin zelebriert die Begegnung von Ost und West wie einen Weihegottesdienst. Der Besucher tritt in die einzelnen Ausstellungshäuser ein, als wären es kleine Tempel. Die Verschwisterung gelingt mal beeindruckend stark wie bei der Konfrontation neun schwarzer RakuSchalen mit sechs offenen AluminiumBoxen in Schwarz und Orange von Donald Judd; mal verpufft der Effekt wie bei der Paarung einer Cy-Twombly-Skulptur mit einem Rollbild aus der Muromachi-Zeit zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Wie ernst es Brüderlin mit der Heilsbotschaft aus dem Osten meint, zeigt sich auch an der dauerhaften Einrichtung eines Zen-Gartens im bislang ungenutzten Skulpturenhof des Museums, der zufällig fast die gleichen Maße besitzt wie der berühmte Garten des Royanji-Tempels in Kyoto. Inmitten der Betriebsamkeit der Autostadt bietet er dem Besucher einen Ort der Kontemplation, an dem er sein Auge über ein präzis angelegtes Kieselfeld, Wacholderbüsche und eine Betonwand gleiten lassen kann.

Der Botschafter der neuen Innerlichkeit traut der Ruhe jedoch nicht ganz, denn die Ausstellung wird durch japanische Fotografie der Gegenwart ergänzt. Auf der Einladung prangt eine grell bunte Blume, eine grün-rot-blau angemalte Orchidee von Nobuyushi Araki. Brüderlin bleibt dennoch dabei: Die Menschen wollen Inhalt, nicht länger „den Schrott der Werbung“. Vielleicht kann Wolfsburg auch dafür Vorbild sein.

Kunstmuseum Wolfsburg, Japan und der Westen, bis 13. 1., Katalog (DuMont) 36 Euro; Fotografie bis 24. 3.

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