Kultur : Wolken im eisigen Mondlicht

ISABEL HERZFELD

Der Dirigent Rupert Huber, im weißen Schamanengewand, singt kehlig in einer ozeanischen Phantasiesprache.Chor und Solisten vom SWR-Vokalensemble Stuttgart sind in geisterhaftes Laserlicht getaucht, so daß ihre Köpfe über weiß verhängten Notenpulten wie auf Grabstelen schwimmen.Die dürren Gesangslinien sind elektronisch zerhackt: ein pseudowissenschaftlicher Text mit komischer Würde vom Schauspieler Jürgen Holtz gelesen - die Musik-Theater-Installation "Die Gesänge der Ghat-Biwa" von Sandeep Bhagwati greift ironisch eben jenen Kulturbetrieb an, der sie erst ermöglicht.Technisch aufwendig und inhaltlich nicht ganz schlüssig bündelt die fiktive "musikarchäologische Untersuchung" all jene Elemente, mit denen Hans Peter Jahn vor zwei Jahren den Stuttgarter "Tagen für Neue Musik" unter dem Titel "Eclat" neues Profil gab.Indem sie theatralische Formen, bildende Kunst und Film einbeziehen, mag die Abgrenzung von den gefährlich nahen Donaueschinger Musiktagen gelungen sein.

Doch "Eclat" kann sich nicht recht entscheiden.Will man durch Auftragsvergabe zu einer bestimmten Thematik - diesmal zieht Jahn Parallelen zwischen dem "theatralischen und kriegerischen Rigorismus" des Barock und heutigen Endzeitvisionen - bestimmte inhaltliche Ziele erreichen oder bleibt es einfach bei einer "Spiegelung neuerer Entwicklungen", die stets das Risiko der Unübersichtlichkeit und und letzten Endes des Scheiterns birgt? Manches wirkte halbherzig oder ging in der Fülle unterschiedlicher Programmstränge unter.Martin Bergandes Halbszenario "als wenn nicht alles daran recht aneinanderhinge" zeichnet Johann Peter Hebels "Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes" mit Rotkäppchen-Kostümen, Jojo-Spielen und verworren-naiven Gesangfetzen als leicht debile Biedermeier-Welt.Caspar Johannes Walters "Minioper" "...plötzlich ward vieles klar" bringt immerhin die ironisch-verrätselte Textebene in immer dichtere Spannung zu verschrobenen Streicher-Klagelauten, ein skurriler Abgesang auf die 1848er Revolution.Wirklich ausgereift ist nur die szenische Tanzfolge "Herses (une lente introduction)" von Helmut Lachenmann und dem in Paris wirkenden Choreographen Boris Charmatz, ein unakademisch-phantastischer Bilderbogen, zu sich so stark ins Geräusch zurücknehmenden Werken wie "Air" oder "Wolken im eisigen Mondlicht".

Das barocke Thema griff "Nicanor" von Thomas Hummel noch einmal auf, in seinen Strukturen unmittelbar aus der Diktion des Romans "Der Herbst des Patriarchen" von Gabriel Garcia Màrquez entwickelt, zunächst aber nur als Aneinanderreihung von Klangfarben wahrnehmbar.Stärker als diese Uraufführung vermittelten im Konzert des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart zwei Werke der siebziger Jahre von Claude Vivier eine Ahnung von "Todeslust" und "Weltgetümmel", in leidenschaftlichen, farbgesättigten Klängen von Mahlerschem Zuschnitt.

Die dreizehn Uraufführungen hatten es schwer neben so ausgefeilten Werken wie "Danse aveugle" von Hanspeter Kyburz oder "Shadows" von Peter Eötvös, der das "Klangforum Wien" zu unüberbietbarer Prägnanz animierte.Blaß blieben in ihrer Gefälligkeit Virtuosenstückchen für Violoncello und Klavier von Earle Brown und John van Buren, enttäuschend auch die kargen Nichtigkeiten für Kontrabaß solo mit dem spannenden Titel "Die drei Spiegel der schönen Karin" von Klaus Lang, der bedeutend sprachgewandter kommentiert: "Die Wirklichkeit ist eine Tiefkühltruhe!" Manuel Hidalgos "Gran nada" wird mit langen, extrem gelagerten Streicher- und quietschend-röchelnden Akkordeon-Tönen (Teodoro Anzellotti) auch zu den Vexier-Filmbildern von Andrßs Kalmar seinem Titel gerecht.Dagegen überzeugten Reinhard Febels zwei Stücke für 19 Streicher, die als "Motion picture / Sculpture" gewissermaßen den immer voluminöseren Raumklang aus rasender Bewegung erstehen lassen."Monumento V" des 28jährigen Matthias Pintscher lief sowieso außer Konkurrenz, ein sicher konservativ angelegter, aber klangvoll erfundener "Sirenengesang" für acht Vokalstimmen, drei Violoncelli und Ensemble.

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