Kultur : Wolken ziehen vorüber

Christina Tilmann

„Der Himmel ist blau./Damit ist alles gesagt/über den blauen Himmel.“ heißt es in Hans Magnus Enzensbergers Gedichtzyklus „Die Geschichte der Wolken“. Davon träumen wir. Grau in grau, kaum Schattierungen, eine einheitliche Fläche, das ist der Himmel in den letzten Tagen. Gerhard Richter hätte seine Freude daran, der zuletzt lackierte Grauflächen kombinierte, auf dass der Besucher sich selbst darin spiegele. Richter kann auch anders: Schönste weiße Schäfchenwolken hat er gemalt, auf himmelblauem Grund. Eines der Bilder ist gerade wiederentdeckt worden, nach 25 Jahren, in einem Büro des Landesamts für Datenverarbeitung und Statistik in Düsseldorf.

Auch in Berlin ist Richter jetzt zu sehen, in der wunderbaren Ausstellung „Wolkenbilder“ in der Alten Nationalgalerie. Am Ende einer langen Reihe: von Goethe bis Turner, von Corot bis Nolde haben alle die Wolken gemalt, und wissenschaftlich untersucht dazu. Cumulus, Stratus, Cirrus und die verschiedensten Kombinationen dazwischen, schnell hingetuscht, nicht mehr als ein Notat zur späteren Verwendung. Was hat Enzensberger noch über Wolken geschrieben? „Die flüchtigsten aller Meisterwerke/enden in keinem Museum“. Doch wenn sie es tun, wie in Berlin, ist’s eine Offenbarung.

Die alten Niederländer schon haben es begriffen. Zwei Drittel ihrer Werke füllt der Himmel aus, das Drama des Kampfes zwischen Licht und Schatten. Die kleine, flache Erde drunter ist nicht mehr als eine Randnotiz. Da wird selbst Regen, Nebel, schlechtes Wetter zum Ereignis.

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