Kultur : Wolken ziehen vorüber

Die Lufthansa übergibt ihre bedeutende Sammlung von Werbe- und Imagefilmen an das Bundesarchiv in Berlin

Julian Hanich

Es war einmal vor langer, langer Zeit in einer Galaxie weit, weit entfernt. Die Rede ist von der Bundesrepublik Deutschland in den Fünfzigerjahren. Damals war der Traum vom Fliegen noch in Ordnung. Für die Sicherheitskontrollen musste man noch kein Anhänger der Freikörperkultur sein. Man qualmte in den Abteilen. Die Beinfreiheit war so groß, dass man vor dem Sitz ausgiebige Spaziergänge unternehmen konnte. Und das Essen war noch als solches erkennbar, ja möglicherweise sogar genießbar – jedenfalls rief sich die Lufthansa als Fluglinie „für Feinschmecker“ aus.

Wer sich das Fliegen leisten konnte, erkaufte sich damit ein Stück sozialer Distinktion. Die so genannten kleinen Leute fuhren zu dieser Zeit eher mit der Trambahn als auf der Rollbahn. Ein Nebeneffekt, der im Zeitalter der demokratisch-billigen Schnäppchenflüge unter den Teppich fällt. Außerdem gab es einst auch noch Frauen respektive Fräuleins wie Gisela. Sie und all die anderen „Flugstewardessen“, wie sie damals noch hießen, waren die Hausfrauen der Lüfte, die „perfekten Mädchen für alles“ – weswegen eine männliche Stimme in herablassendem, leicht frivolem Ton fragen konnte: „Sie ist nett, nicht wahr?“ Wer sich das heute nicht mehr vorstellen kann, dem seien die Hunderte von Filmen mit Titeln wie „Glück ab, kleines Fräulein“ empfohlen, die die Lufthansa der Öffentlichkeit nun zugänglich macht und dem Bundesarchiv in Berlin überantwortet.

Springen wir noch weiter zurück, ins Jahr 1930, und schauen hinein in „Die Welt von oben“, einen sechsminütigen Imagefilm der Lufthansa. Damals winkte man noch mit Taschentüchern aus dem Flugzeugfenster. Man saß sich an Tischen gegenüber, offenbar häufig einer hübschen Dame. Und die Piloten waren schon (noch?) so gut, dass man als Passagier flugs die Landung verschlief – um anschließend von sanften Stewards freundlich geweckt zu werden. Auf so simple Weise wurden damals Leute zum Fliegen bewegt. Werben war himmlisch einfach.

1970 musste man schon zu anderen Mitteln greifen. Im Werbefilm „Lufthansa Business“ werden mit schnellen Schnitten der glitzernde Asphalt und die entblößten Brüste von St. Pauli aneinander gefügt. Dazwischen lallen betrunkene Geschäftsmänner aus dem Ausland ihre Eindrücke von Deutschlands Frauen: Über den Wolken muss die Freizügigkeit wohl grenzenlos sein.

Wenn man diese so amüsanten wie aufschlussreichen Filmdokumente sieht, kann man sich vorstellen, dass sich am Fehrbelliner Platz 3 in Berlin-Wilmersdorf gerade einige Damen und Herren freudig die Hände reiben. Dort, in der Filmabteilung des Bundesarchivs, werden die kulturhistorischen Kleinode künftig ihre neue Heimat haben. Die gute Nachricht: Die Lufthansa hat ihre Filmsammlung in die Obhut der Leute vom Archiv gegeben – eine Sammlung, die als einzigartig in Deutschland gilt, für manche sogar in der Welt. Über 400 Kilometer Filmmaterial umfasst die Schenkung; 900 Filme hat die Fluggesellschaft in über siebzig Jahren gesammelt. Es sind kurze Werbe-, längere Image- und noch längere Kulturfilme, jene dokumentarische Gattung also, die oft als erzieherisches Begleitprogramm in den Kinos und Schulen angeboten wurde. Nur Spielfilme sind leider keine darunter.

Die Fluggesellschaft – oder auch: „Der Aviation Konzern“, wie sich das Unternehmen in zweifelhaftem Deutsch selbst bezeichnet – tut damit einen Schritt, den Firmen wie Krupp, Mannesmann, Henkel oder die Deutsche Bahn bereits vorher getan haben. Was lange unbeachtet in einer Lagerhalle in Hamburg verstaubte, wird in den geübten Händen der Bundesfilmarchivare für die Öffentlichkeit freigegeben. Das ist vor allem für Historiker verschiedenster Färbung interessant: von der Wirtschafts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte zu den Kommunikations- und Filmwissenschaften. Aber auch Luftfahrtfans und Flugzeugfetischisten dürfen sich über die neuen Möglichkeiten zum planespotting freuen.

Natürlich handelt die Lufthansa nicht ohne Hintergedanken. Für die Fluggesellschaft hat die Schenkung den Vorteil, dass sich die Firmenarchivare nicht mehr um die kostspielige Erhaltung der Sammlung kümmern müssen, die überwiegend aus empfindlichem 35mm-Zelluloid besteht. Außerdem übernimmt das Bundesarchiv, das sich seit den siebziger Jahren um die Sammlung bemüht hatte, im Bedarfsfall auch die Digitalisierung der Filme. Auf der anderen Seite ergibt sich für das Archiv möglicherweise ein Schneeballeffekt. Archiv-Präsident Hartmut Weber hofft jedenfalls, dass jetzt auch Firmen wie BASF, Daimler-Chrysler und Volkswagen nachziehen. Gerade die Werbefilme von VW klingen vielversprechend: Man fragt sich, mit welch kessen Anmachsprüchen wohl den „kleinen Fräuleins“ die Freude am Fahren mit Herbie, Dudu und anderen tollen Käfern nahe gebracht wurde.

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