Kultur : Wolken ziehen vorüber

Zum Süchtig-Werden: „13 Lakes“ von James Benning

Silvia Hallensleben

Eine gekräuselte Wasserfläche, auf der sich das Sonnenlicht spiegelt. Weiße Vögel, die über einer nebelumwölkten Trauminsel sanfte Kreise ziehen. Ein kristallklarer Bergsee. Was will man mehr? Sonnenaufgänge und gischtumtoste Seestücke gibt es bei James Benning ebenso wenig wie Musikuntermalung und poetisierenden Kommentar. Sonst aber ist bei seinen „Thirteen Lakes“ von zarten Nebelschleiern bis zu wildfetzendem Sturm fast alles zu haben, was das romantische Herz begehrt. Mystische Traumlandschaften à la Caspar David Friedrich, Wolkenberge von Turner, grafische Abstraktion auch. Allerdings sind die Gemälde bewegt, auch wenn die starre Kameraposition und die Länge der Einstellungen statische Beharrlichkeit suggerieren. Denn der eigenbrötlerische kalifornische Filmemacher variiert auch hier die Methode, die mittlerweile zu seinem Markenzeichen geworden ist: Die Rückführung der digital ausufernden Filmsprache auf ihre wesentliche Dimension.

Bennings auf 16mm-Farbfilm gedrehte Stücke betreiben die Wiedergeburt des Kinos aus dem Geist der Reduktion: Lange unbewegte Einstellungen, lineare Montage und Direktton bestimmen den formalen Rahmen seiner kalifornischen Trilogie („El Valley Centro“ 2000, „Los“ 2001, „Sogobi“ 2002), mit der Benning einem etwas größeren Publikum bekannt wurde. Nur dreizehn Einstellungen hat auch „Thirteen Lakes“, genau eine für jeden der US-amerikanischen Seen, die hier die Hauptrollen spielen. Jede von ihnen ist zehn Minuten lang, immer ist die Kamera fest am Ufer aufgestellt und der Horizont auf die Bildmitte justiert. Diese formale Gleichheit vor der Kamera lässt die Unterschiede der einzelnen Partien umso schärfere Konturen gewinnen.

Jackson Lake, Lake Moosehead, Salton Sea, Lake Superior, Winnebago Lake, Lake Okeechobee, Lower Red Lake, Pontchartrain Lake, Great Salt Lake, Iliamna Lake, Lake Powell, Crater Lake, Lake Oneida. Es dauert eine Viertelstunde, bis das Publikum sich auf Wellenplätschern und wechselndes Lichtspiel eingegroovt hat. Doch spätestens beim dritten See setzt mit der meditativen Übung auch der Suchteffekt ein, der nur eines will: Dass das ewig so weitergeht.

Ungefähr an dem Punkt lockt Benning mit Action: Ein Frachtschiff ist es, das fast unbemerkt am Horizont auftaucht und durch schwere Eisbrocken seine Bahn zieht. Auch sonst wird die scheinbar naturbelassene Idylle immer wieder durch zivilisatorische Einbrüche irritiert. Einmal sind es Speedbootfahrer, die mit großem Getöse den Salton See durchqueren. Auch an dem traumhaft schönen, einsamen Crater Lake stört der Widerhall von Schüssen die himmlische Ruhe. Das Paradies gibt es nicht. Und über das Wesen der Dinge klärt uns auch noch so intensives Hinschauen nicht auf. Doch über die Eigenart der Schönheit und die Bedingungen des Filmesehens (und -machens) kann man eine Menge lernen bei diesen „Thirteen Lakes“.

Nur im fsk am Oranienplatz

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