Woll-Lust : Der letzte Strick

Avantgarde der Handarbeit: Nina Braun fertigt Wollfiguren. Beim Festival Pictoplasma zeigt sie ihre Kunst.

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Kunst, die sich warm anzieht. Nina Braun neben ihrer »Lovesculpture«. -Foto: Mike Wolff

Verschlafen liegt der Kreuzberger Wrangelkiez in der Vormittagssonne. Wer hier um halb elf schon aus dem Haus ist, zählt zu den Frühaufstehern. Oder hat Kinder. Nina Braun winkt von der Freitreppe eines Siebziger-Jahre-Baus mit schrägen Winkeln. Vom anderen Ende des Atelierraums grüßt eine Kollegin am Webstuhl. Sieht ja aus wie ein Kindergarten hier. Ist auch einer. Schon stürmen die Kleinen herein, in farbbeklecksten Malkitteln und mit großen Augen. „Die sind von der Einrichtung nebenan“, erklärt die Künstlerin. „Sie machen bei uns so eine Art Praktikum, senatsgefördert.“

Eigentlich verdient Nina Braun ihr Geld mit Stricken. In zwei- bis dreimonatiger Arbeit schafft sie raumgreifende Objekte, freundlich und anschmiegsam, man könnte sagen: Puppen. Von einem Regal blicken zwei schwarze Wollfiguren mit Knopfaugen herüber, sich eng umschlungen haltend: „Lovesculpture“ von 2007, eine gestrickte Liebeserklärung der Künstlerin an ihren Freund. Ein perfekt gearbeitetes Unikat, wie jede ihrer Arbeiten. Drei Soloausstellungen hat Nina Braun hinter sich. Gerade kommt sie aus der Babypause zurück. Nun blickt sie aufgeregt einem Vortrag entgegen, den sie am Samstag im Kino Babylon über ihre Arbeit halten soll, im Rahmen des Figurenfestivals Pictoplasma.

Dort versammeln sich jährlich Grafiker, Designer, Animationsfilmer und Künstler aus aller Welt, deren Arbeit sich um „Characters“ dreht: Figuren mit reduzierter Bildsprache und hohem Identifikationspotenzial wie die digitale Ästhetik sie etwa mit den Chatroom-Smileys hervorbrachte. Die Organisatoren Peter Thaler und Lars Denicke haben Berlin zum Drehkreuz einer globalen Szene gemacht, die unabhängig vom Kunstdiskurs an einer visuellen Sprache aus Popkultur und Alltag arbeitet.

Nina Braun hat ihr ästhetisches Gespür auf der Straße geschult, als Teil der linken Hamburger Skaterszene in den Neunzigern. „Haare kurz, Hose weit, Hardcore- Musik“, fasst sie zusammen. 1998 gründete sie ihr eigenes Modelabel Sumo. Mit dem Do-It-Yourself-Ethos des Punk stellte sie sich dem US-dominierten Skatermarkt entgegen und stärkte Sichtbarkeit von Frauen in der Szene. Braun designte Skateboards und Streetwear und war mit ihrem Label bald Mittelpunkt einer Subszene aus rappenden, skatenden und boxenden Mädchen und Frauen.

Wie aber kommt man vom Skateboard zur Stricknadel? „Meine Oma hat mir immer Socken gestrickt“, erzählt Braun. „Ich habe mich lange dagegen gewehrt. Aber als ich 25 war, dachte ich, sie muss mir das beibringen, bevor es zu spät ist.“ Schon bald hing sie selbst an der Nadel. Heute spricht Braun vom Suchtfaktor der Handarbeit. „Es ist ja neurologisch erwiesen, dass Stricken die Hirnaktivität anregt.“ So saß Braun dann strickend in den Vorlesungen an der Hamburger Kunsthochschule und stellte fest, dass das Akademiestudium nichts für sie ist. „Alles musste entweder Video- oder Konzeptkunst sein, und auf keinen Fall poppig.“

Sie debütierte hingegen 2005 in einer Hamburger Galerie für urbane Kunst mit einer Ausstellung gestrickter Turnschuhe. Originalgetreu strickte Braun jene Sneaker-Modelle nach, die in der Szene Fetischwert besaßen. „Es sollte ein Ellenbogen sein in die Rippen meiner Generation, die hip- und stylemäßig immer dabei, aber politisch total lahm ist.“ Diese Leute brauchen nichts als Hausschuhe, so die Ansage. Nun waren diese Leute allerdings ganz entzückt von der netten Arbeit. Es war der Beginn von Brauns Künstlerinnendasein.

Offenbar ist das kritische Bewusstsein der Generation unter 40 heute so vielfach ironisch gebrochen, dass die letzte Waffe des Widerstands aus zwei Nadeln besteht. So macht seit einiger Zeit die Bewegung „Knitting Guerilla“ von sich reden, die im öffentlichen Raum nicht mehr mit Graffiti interveniert, sondern mit warm angezogenen Stromkästen und Straßenschildern.

Nina Braun wehrt sich gegen die Zurechnung zu Szenen. Wie die Künstlerin Mymo, die in ihren Monstergesichtern ebenfalls Einflüsse aus der Straßenkultur verarbeitet, wird sie schnell unter „Street Art“ einsortiert, was immer auch meint: nicht Kunst. Dabei arbeiten Künstler wie Braun und Mymo gerade an der Auftrennung solch enger Klamotten. Brauns bester Kunde ist ein belgischer Sammler, der ihre Skulpturen zu junger japanischer Pop-Art gesellt. Damit kann sie leben.

Zwischen 8 000 und 16 000 Euro kosten Brauns Objekte. Der Sprung in den Kunstmarkt gibt ihr die Freiheit zu experimentieren, Assistenten zu bezahlen und neue Materialien zu probieren (geplant: Beton). Über 600 Stunden gingen in ihre bislang größte Arbeit ein: „Tumulus“, ein 70 Zentimeter breiter Haufen aus 140 weißen Wollwürmern. Anlass waren Todesfälle im Bekanntenkreis. Während viele über das Thema schwiegen, wollte die Künstlerin angstfrei damit umgehen. Über Monate bewältigte sie den Tod mit Wolle, zeitweise strickte sogar die Mutter mit. Die Häute wurden mit Plastikgranulat gestopft wie Mastgänse und wuchsen langsam zu einem Grabhügel aus weißen Leichenwürmern mit niedlichen Knopfaugen. „Freundlich, aber bestimmt“, findet Nina Braun. Und bringt ihr ganzes künstlerisches Programm auf den Punkt.

Dass auch in scheinbar harmlosen Motiven der Popkultur tiefe existenzielle Erfahrungen verhandelt werden, bewies schon letztes Jahr eine große Figurenausstellung von Pictoplasma im Haus der Kulturen der Welt. Die gezeigten Objekte hatten fast totemistische Qualitäten. Für Nina Braun ist schon das Stricken selbst eine spirituelle Tätigkeit. „Mein Geist wird total leer“, beschreibt sie die Wirkung, „wie in einer buddhistischen Todesmeditation.“ Fragt sich nur noch, was die Tochter trägt. „Sie ist von Kopf bis Fuß eingestrickt.“ Braun lächelt. „Spätestens mit drei wird sie Strick hassen.“

Pictoplasma Festival, Fr/Sa 9./10.4. im Kino Babylon, Info: www.pictoplasma.de

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