Kultur : Wollt ihr den gerechten Terror?

Tumulte, Vortrag, Diskussion: In Leipzig ist der Israel-Kritiker Ted Honderich aufgetreten

Ralf Grötker

Er ist tatsächlich nach Leipzig gekommen, der britisch-kanadische Philosoph Ted Honderich, Verfasser des vom Suhrkamp-Verlag Anfang August zurückgezogenen Traktats „Nach dem Terror“. In dem Buch hatte Honderich den palästinensischen Terror gegen Israel gerechtfertig. Nun soll er sich dem Leipziger Universitäts-Publikum erklären, das an diesem frostig-sonnigen Morgen den Weg durch die Fußgängerzone zum „Sonntagsgespräch“ in den Hörsaal 19 gefunden hat, vorbei an den Flugblätter verteilenden Studenten und der Polizei am Uni-Eingang.

Im Hörsaal ist auf die Wand eine Folie projiziert, als Nachhilfe in Sachen Honderich-Skandal: „Antisemit (Achtung: Rufmord!) ist, wer gegen Juden als Juden ist. Anti-Zionist, wer gegen die Existenz Israels ist. Anti-Neozionist: Wer gegen die gewaltsame Expansion Israels nach 1967 ist“. In der rechten Spalte, „Ted Honderich“: „Antisemit: Nein. Antizionist: Nein. Anti-Neozionist: Ja“. Daneben, eine zweite Folie mit dem Titel der Veranstaltung: „Gibt es ein Recht auf Terrorismus?“ Den Titel illustriert das Foto eines der beiden brennenden Türme des World Trade Centers; daneben das Bild, eines Bomben abwerfenden Flugzeugs.

Einige Minuten stehen Schrift und Bild an der Wand. Darauf startet die Show. Studenten stürmen die Bühne, schalten den Projektor aus und entfalten ein Banner: „Toleranz tötet: Keine Diskussion mit Antizionisten!“

„Keine Diskussion“ – damit sind die Studenten in guter Gesellschaft. Auch der Frankfurter Wissenschaftler Micha Brumlik hatte nach Erscheinen von Honderichs „Nach dem Terror“ das Buch in einem Offenen Brief des „antisemitischen Antizionismus“ beschuldigt und damit eine Welle von Protesten ausgelöst. So einig wie in der Sache gegen Honderich waren sich Leitartikler und Kommentatoren wohl lange nicht gewesen.

Nun aber: Georg Meggle wendet sich als Initiator und Gastgeber des „Sonntagsgesprächs“ an die Keine-Diskussion-Fraktion. Meggle ist Professor in Leipzig und Mitbegründer der Gesellschaft für Analytische Philosophie sowie Attac-Mitglied, einer der vielseitigsten, engagiertesten Philosophen im Lande. Neben Ethik, Handlungstheorie und Sprachphilosophie stehen Veranstaltungen auf seinem Lehrplan wie „plan-stadt-platte: Gesellschaftliche Utopien der Spätmoderne“, „Kommunikation und Film“ – oder eben auch Reflexionen über den Irak-Krieg. Die „Theorie des gerechten Krieges“ (und des „gerechten Terrors“) hat sich in letzter Zeit zu einem von Meggles Spezialgebieten entwickelt. Ein von ihm edierter Sammelband zum Thema kommt in diesen Tagen heraus : „Terror & Der Krieg gegen ihn. Öffentliche Reflexionen“ (im Mentis Verlag, Paderborn, 29,80 €).

Meggle dankt den Demonstranten, darauf hingewiesen zu haben, wie wichtig die Veranstaltung sei. Mit einem Seitenblick auf den Kaugummi kauenden Trupp von Polizisten kündigt er an, von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen, falls die Störer nicht einlenken. Dann, eine Einlage: Auftritt des Mannes mit der großen gelben „Nanu-Nana“-Plastiktüte. Er sei, sagt der Mann, Israeli und Jude, und er wolle diese Diskussion führen. „Sie sind ein Außenseiter!“, wird er aus den Reihen der Keine-Diskussion-Fraktion beschieden. Der Herr ist der neue Verleger Honderichs. Er wird „Nach dem Terror“ im Winter erneut auf deutsch herausbringen (Melzer Verlag, Neuisenburg, 14,95 €).

Dann betritt Ted Hondrich die Bühne. Ein großer, schlacksiger Mensch. Die Westenzipfel, unverhohlen von der Wohlgenährtheit ihres Trägers kündend, sie ragen flott in die Luft. Honderich trägt mit siebzig Jahren immer noch volles langes Haar und vertritt Ansichten wie jene, dass der „freie Wille“ eine Illusion und menschliches Handeln determiniert sei. Mit diesem Standpunkt hat der Liberalismus-Kritiker Honderich sich bis in die vordersten Reihen der internationalen philosophischen Debatte gespielt.

Satz für Satz wird er nun übersetzt, so wie alles schon vorher auf der Webseite von Honderich zu lesen war. Er muss dabei gegen das Trällern von Handys und gegen die Zwischenrufe der Zuhörer anreden: „Repressive Toleranz!“, „Möllemann!“, „Geh doch nach drüben!“

Honderich sagt, dass palästinensische Selbstmordattentäter ein moralisches Recht zu ihrem Akt des Terrorismus hätten, Israeli hingegen kein moralisches Recht zum Staatsterrorismus. Er wählt gezielt ein Beispiel, in dem es um die Tötung eines Kindes geht. Er spricht von einem grundsätzlichen und akzeptierten moralischen Prinzip, welches solcherlei Terrorakte geradezu gebiete. Dieses Prinzip, erklärt Honderich, sei das Prinzip der Humanität, welches besage, dass wir, „rationale Schritte unternehmen müssen“ um „Menschen dauerhaft aus ihren elenden oder anderweitig schlechten Leben zu befreien“. Honderich tut nichts anderes, als zu erwarten war. Er wiederholt jene Worte, die so viele nicht gedruckt oder öffentlich geäußert wissen wollten, mit, wie er meint, unmissverständlicher Klarheit. Doch offenbar immer noch nicht klar genug.

Das zeigt sich beim großen Finale. Eine Inquisition. Ihr Verlauf ist entscheidend für die Debatte; deshalb sei sie hier im Detail protokolliert. Auch er, so Georg Meggle, halte die gegenwärtige Politik Israels gegenüber den Palästinensern für ein „Verbrechen“. Auch er halte Scharon und den ihn deckenden George W. Bush für Zeitgenossen, die nicht an die Spitze von demokratischen Staaten gehören, sondern vor ein internationales Gericht. Auch er glaube, dass sich unnötiges Leid manchmal nur mit Gewalt reduzieren lasse. Dass es Situationen gebe, in denen Terrorismus gerechtfertigt sein könne. Mit einer Einschränkung: Terrorismus, der sich gegen die Unterdrücker wendet und nur gegen diese. Terrorismus, der es nicht zielgerichtet auf Unschuldige abgesehen hat, solchen „schwachen“ Terrorismus halte er, Meggle, für möglicherweise legitim – „starken“ niemals. „Und das, Ted, ist mein Hauptvorwurf gegen dich: Du hältst die beiden Formen nicht scharf genug auseinander. Soll man der Befreiung eines Volkes willen wirklich Unschuldige, soll man Kinder töten dürfen, und zwar mit Absicht? Und zweitens: Ted: glaubst du wirklich, dass sich Humanität mit Hilfe von Kindermorden in die Welt bomben lässt? War eine solche Strategie schon jemals erfolgreich?“

Mit dem ersten Teil der Antwort zieht Honderich seinen Kopf aus der Schlinge. Über den zweiten Teil wird weiter zu streiten sein. „Ich stimme beiden Einwänden zu“, sagt Honderich. Aber er fügt hinzu: „Sie stimmen mit dem überein, was ich vorher gesagt habe.“

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