Kultur : Wonnemonde wichen dem Wintersturm

FREDERIK HANSSEN

19 Millionen Mark Defizit.Nicht einmal seine schärfsten Kritiker hätten dem Intendanten der Deutschen Oper, Götz Friedrich, eine so erdrückende Hypothek an den Hals gewünscht.Dagegen nimmt sich der Fehlbetrag, der im vergangenen Juli das Metropol-Theater in den Konkurs stürzte, wie Peanuts aus.Wie konnte es zu einem derartigen Finanzdebakel kommen? Und vor allem: Wer trägt Schuld daran?

Auch Götz Friedrich.Weil er die Zeichen der Zeit nicht erkannte.Weil er in den letzten Jahren immer erklärte, es sei ihm dank eisernen Sparwillens gelungen, die staatlich verordneten Etatkürzungen zu bewältigen - statt klar und deutlich zu sagen, wie es wirklich in seinen Haushaltsbüchern aussieht.Im Gegensatz zum Staatsopernintendanten Georg Quander, der öffentlich zugab, wenn er seinen Etat überzogen hatte - und dafür regelmäßig verbale Prügel kassierte.Natürlich hat Götz Friedrich Anstregungen zur Kostenreduzierung unternommen: 110 Stellen hat er seit 1994 in seinem Haus an der Bismarckstraße abgebaut, hat die Zahl der Premieren verringert, den Etat für Gaststars empfindlich eingedampft, deutlich weniger Opernvorstellungen angesetzt.Maßnahmen, die auch sein Publikum zu spüren bekam.Zudem hat Götz Friedrich "Drittmittel" herangeschafft, jährlich ca.zwei Millionen Mark aus Privatschatullen und aus Sponsorenhand, und er hat den Freundeskreis seines Hauses sogar dazu bewogen, sämtliche Rücklagen zu aktivieren, damit der Intendant wenigstens das Pflichtprogramm eines international konkurrenzfähigen Hauses realisieren könne.Trotzdem droht er nun als "Intendant eines Rekorddefizits" in die Annalen der Deutschen Oper einzugehen.Daß es unter seiner Führung zu einer derart verheerenden finanziellen Schieflage kam, könnte die unbestreitbaren Meriten verdecken, die er sich seit 1981 als Intendant des größten Berliner Opernhauses und als einer der wichtigsten Regisseure der siebziger und achtziger Jahre verdient hat.Wie bei Sängern, die den rechten Zeitpunkt für ihren Bühnenabschied verpassen, im Gedächtnis der Zuhörer die quälenden Auftritte der (zu) späten Jahre haften bleiben, läuft auch Götz Friedrich Gefahr, vor allem mit der aktuellen Haushaltskatastrophe in Verbindung gebracht zu werden, die heute den Unterausschuß Theater des Berliner Abgeodnetenhauses beschäftigen wird.

Doch Friedrich trifft nicht alleine die Schuld an der Lage seines Hauses, die für Berlin wohl eine Mehrbelastung von sechs bis acht Millionen Mark noch in diesem Jahr bedeuten wird.Der Senat kann als Arbeitgeber der Beschäftigten der Deutschen Oper gar nicht anders handeln, wenn er die Zahlungsunfähigkeit des Hauses verhindern will.So, wie die Dinge heute in deutschen Theatern geregelt sind, ist eine Aufrechterhaltung des Spielbetriebes immer noch billiger als eine Stillegung, da nun einmal 85 Prozent der Ausgaben auf Fixkosten insbesondere im Personalbereich entfallen.Da Gastvertäge mit auswärtigen Künstlern Jahre im voraus geschlossen werden, lassen sich auch hier keine kurzfristigen Einsparungen erreichen.Bleiben als disponible Mittel gerade noch die Materialkosten für Neuinszenierungen und Pflege der Dekorationen und Kostüme - eine Summe, die durch die Einnahmeausfälle bei geschlossener Kasse und Bühne schnell übertroffen wird.

Aus eigener Kraft hat die Deutsche Oper bei der derzeitigen Rechtslage keine Chance, ihre 19 Millionen Mark Defizit abzubauen.Genausowenig, wie sie letztlich alleine für die Entstehung der roten Zahlen auf ihrem Konto zur Rechenschaft gezogen werden kann.Sicherlich, die Summe von 2,5 Millionen Mark, mit der Friedrich zu Jahresbeginn den Zusatzfehlbetrag für 1998 beziffert hatte, beruhte auf geschönten Zahlen und Fehlkalkulationen innerhalb seines Hauses und mußte inzwischen auf acht Millionen korrigiert werden.Der größere Teil des Defizits aber, nämlich 11 Millionen Mark, ist eine Hypothek, die die Deutsche Oper aus dem Berechnungszeitraum 1997 ins neue Jahr hinüberschleppte - und zwar mit ausdrücklicher Billigung der Kulturverwaltung.Schulden, die teilweise dadurch entstanden, daß "nicht managementbedingte Mehrkosten" der Jahre 1995 und 1996 nicht, wie versprochen, vom Senat erstattet wurden.Allein durch die Umstellung von kameralistischer auf kaufmännische Haushaltsführung 1995 und der damit verbundenen Änderung der Rechtsform von einem "staatlichen Regiebetrieb" in einen "Betrieb nach Artikel 26 der Landeshaushaltsordnung" kamen auf die Theater erhebliche Mehrkosten zu, weil sie nun viele Leistungen in Rechnung gestellt bekamen, die für sie zuvor kostenlos waren: zum Beispiel die gesetztlich vorgeschriebenen Feuerwehrleute, die sich während jeder Aufführung im Bühnenbereich für Notfälle bereithalten.Hinzu kamen Belastungen durch Tariferhöhungen, die sich allein im Doppelhaushalt 1995 / 96 auf 8,1 Millionen Mark beliefen.Kosten, die zur "offiziellen" Kürzungssumme von 20 Millionen Mark hinzugerechnet werden müssen, die von der Deutschen Oper zwischen 1995 und 1999 zu erbringen ist.Da es sich hier um einen der notorischen Zankäpfel der großen Koalition handelt, durfte Friedrich das Millionendefizit von Jahr zu Jahr mitschleppen, während die Politik die Klärung des Problems auf den Sankt Nimmerleinstag verschob.

Dabei mußt es Kultursenator Peter Radunski klar sein, daß dieser Taktik ebenso zum jetzigen Desaster beitrug, wie die Tatsache, daß er seine Forderung nach "betriebsbedingten Kündigungen" nicht in der großen Koalition durchsetzen konnte.Ohne diese Möglichkeit aber konnte das im berüchtigten "Kreise-Papier" vom September 1996 von den drei Opernhäusern erwartete Sparvolumen von insgesamt 27 Millionen Mark bis 1999 sehr viel schwerer erbracht werden.Nach den gültigen tariflichen Bedingungen ist ein Haus von der Größe der Deutsche Oper mit rund 800 Mitarbeitern nicht zu einem Preis von 80 Subventionsmillionen pro Jahr zu führen.Weder von Götz Friedrich noch von irgend einem anderen Intendanten.

Für die einzige, nicht minder unpopuläre Alternative - ein rücksichtsloses outsourcing des vorhandenen Personals samt brutalem Sozialabbau nach dem Modell der freien Wirtschaft - reichte Friedrichs Veränderungswillen nicht aus.Seit 1981, ein Jahr länger als Bundeskanzler Helmut Kohl, ist der Regisseur nun im Amt, in siebzehn Jahren ist er zu eng mit dem Leitungsteam und den Arbeitnehmervertreter zusammengewachsen, um noch zu einem Reformstau-Revolutionär zu werden.So wie ihr Chef daran gewöhnt ist, in den Kategorien der fetten Berliner Insel-Jahre zu denken, so verbittert klammern sich auch die Gewerkschaften und Interessenvertreter der deutschen Oper an ihre erkämpften Privilegien, verteidigen ihre Besitzstände viel massiver als ihre Kollegen in den ehemaligen Ost-Theatern mit persönlichen Wendeerfahrungen.Es ist ihr gutes Recht - und es hat doch mit zu der jetzigen Krisensituation geführt.Hinzukommt, daß die Deutsche Oper innerhalb der künstlerischen Landschaft trotz des Engagement von Christian Thielemann derzeit nicht gerade eine Spitzenposition einnimmt.

Allerdings ist das 19-Millionen-Defizit des Opernhauses an der Bismarckstraße nur die Spitze des Eisberges unbezahlter Rechnungen im Kulturbereich.Wenn die Finanzexperten des Abgeordnetenhauses heute mit dem aus Helsinki (wo er Wagners "Ring" inszeniert) nach Berlin geeilten Götz Friedrich über Wege aus der Finanzkrise verhandeln, dann haben sie im Hinterkopf, daß im Januar alle staatlich subventionierten Theater Berlins, mit Ausnahme der Komischen Oper, Budgetüberziehungen für das Haushaltsjahr 1998 geltend gemacht haben.Nur zur Erinnerung: Der Kulturetat macht gerade einmal 2, 2 Prozent des Hauptstadthaushalts aus.Und Volker Hassemers "Partner für Berlin" haben gerade eine neue Kampagne gestartet, die mit drei Attraktionen viel Touristengeld in die Stadt locken will: dem Umzug der Bundesregierung, den vielen Bäumen - und der Kultur.

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