Kultur : Woody Allens Hymne auf den Jazz

Christiane Peitz

Sean Penn spielt in der fiktiven Biographie der zwanziger und dreißiger Jahre den Gitarristen Emmet Ray, einen rücksichtslosen UnglücksrabenChristiane Peitz

Er kommt immer zu spät. Spielt Billard im Hinterzimmer und verpasst um ein Haar seinen Auftritt. Meistens ist er ohnehin betrunken, chronisch unzuverlässig und permanent pleite. Auch sein Teilzeitjob als Zuhälter bringt ihm kein Glück. Seine Lieblings-Hobbies - Züge Gucken und Ratten Schießen auf der Müllhalde - machen ihm wenig Freunde, auch seine genialische Idee, auf einem Halbmond aus Pappe auf die Bühne zu schweben, endet im Desaster. Der Mond wankt, poltert zur Erde, und mit ihm Emmet Ray, der zweitbeste Gitarrist der Welt.

Dies ist die Geschichte von einem, der als zweiter Sieger in die Annalen des Jazz eingegangen ist. Wenn Emmet spielt, ist alles vergessen: die Verspätung, die Schulden, die Trunkenheit, der nomadische Lebenswandel. Er greift in die Saiten seiner Gitarre und entlockt ihr zärtliche Töne, Sweet and Lowdown. Niemand kann sich dem entziehen. Aber Django Reinhardt, "dieser Zigeuner aus Frankreich", wie Emmet sagt, ist besser. Zweimal, sagen seine Freunde, will Emmet ihn gesehen haben. Und jedes Mal ist er vor Schreck in Ohnmacht gefallen.

Wer kennt das nicht? Sind wir nicht alle ganz gut bei dem, was wir können, aber nicht gut genug? Gibt es nicht immer jemanden, der hoffnungslos besser dasteht? Und haben wir nicht Chancen verspielt und den Auftritt unseres Lebens verpatzt? Die Kluft zwischen dem, der man sein möchte und dem, der man ist, bleibt unüberwindlich. Auch Woody Allen kennt das, wenn nicht als Filmemacher, so doch als Klarinettist und Jazz-Amateur. Und deshalb handelt diese Legende vom Scheitern des Emmet Ray, den es nie gegeben hat, aber der im Amerika der dreißiger Jahre durchaus existiert haben könnte, vom Jazz. Den liebt Woody Allen vielleicht noch mehr als das Kino, und deshalb beginnen all seine Filme mit dem Swing der zwanziger und dreißiger Jahre zum immergleichen schwarz-weißen Vorspann.

Ein federleichter, melancholischer Sound, der die Bilder evoziert, warmherzige, bittersüße Märchenbilder aus den Nachtclubs einer fernen Epoche, und der dabei ohne jede Anstrengung auskommt. Nun also ein ganzer Film über die Sprache der Vorspann-Musik. Django und Emmet, das sind Europa und Amerika. Auch eine Beziehung voller Neidgefühle und Konkurrenz. Das Kino der Emigranten fehlt seit den dreißiger Jahren in der europäischen Filmgeschichte. Und umgekehrt ist der Jazz nach Paris ausgewandert: zu Django Reinhardt.

Woody Allen spielt den Unglücksraben nicht selbst. Sean Penn ist Emmet Ray. Gibt ihn als Schnösel und Chaoten in schicken Anzügen und tollen Autos, aber mit dem Unterton der Verzweiflung. Dieser Kerl ist überheblich und rücksichtslos, aber er bleibt sich doch treu. So authentisch, dass man seine Gesten schon nach wenigen Szenen durchschaut. Da redet, spielt jemand um sein Leben und würde sich die Vergeblichkeit doch niemals eingestehen. Sean Penn macht kein Aufhebens zwischen Anschein und Sein. Er zeigt Emmets Geheimnis her, indem er es großspurig überspielt. Understatement im Gewand der Übertreibung.

Emmet Ray tingelt über Land, schlägt sich durch, will groß rauskommen. Er tritt im Talentschuppen auf, in der Provinz, verzaubert seine Zuhörer und belustigt sich über das falsche Publikum. Er gerät an Hattie, eine unscheinbare, stumme Wäscherin, die ständig futtert und sich an ihn hängt wie eine Klette. Samantha Morton als Hattie könnte ein Stummfilm-Star sein, ein Restposten aus jener Zeit, die "Sweet and Lowdown" wiederbelebt. Große, beredte Augen, ein bezwingender Blick. Dazu Flapper-Kleider, Schleifen, Söckchen - und immer dieser Hunger. Emmet plappert, Hattie schaut ihm zu. Und dann heiratet er eine andere, die mondäne Blanche (Uma Thurman), die ihn bewundert und jedes Detail seiner vermeintlichen Karriere notiert. Sie fantasiert sich einen erfolgreichen Emmet zurecht. Und der bemerkt nicht, dass er längst in den Bann von Hatties Blick geraten ist. Ja, auch er, der Freigeist, braucht jemanden: die kleine Wäscherin, das falsche Publikum.

Dann sind da noch die Jazz-Aficionados. "Echte" Zeitzeugen, Historiker und Journalisten wie Nat Hentoff, Douglas McGrath oder Allen höchstselbst erinnern sich an Emmet Ray. So wie einst Susan Sontag und Bruno Bettelheim die fiktive Biografie von "Zelig" bezeugten. Der Konformist Zelig und der Nonkonformist Emmet könnten Brüder sein, denn beide buhlen um Aufmerksamkeit. Zelig, dieser Herr Niemand, verleugnet sich selbst, weil er anerkannt werden will. Emmet, dieser Möchtegern-Star, veleugnet deshalb die anderen.

Am Ende, als es zu spät ist, spielt Emmet Ray so gut wie nie (Gitarre: Howard Alden), zerschlägt sein Instrument und wird für immer vergessen sein. Die falsche Biografie: eine wahre Ballade vom verpfuschten Leben. Und eine altmodische, tragische Liebesgeschichte dazu. Keiner kann so schön altmodische Geschichten erzählen wie Woody Allen. Sein Kino bezwingt uns mit dem gleichen Blick wie Hattie den Jazzgitarristen.

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