Kultur : Wortgewaltige Ohrfeige

Bücher der Russischen Avantgarde im Louisiana Museum

Bernhard Schulz

Amerika, du hast es besser: Dort werden Sammlungen mit dem Ziel aufgebaut, sie nach ihrer Abrundung einem Museum anzuvertrauen, zur Bewahrung wie zur wissenschaftlichen Erschließung. So geschah es mit der Sammlung von künstlerisch gestalteten Büchern der russisch-frühsowjetischen Avantgarde, die die Judith-Rothschild-Stiftung in nur dreieinhalb Jahren aufgebaut und sodann dem New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) übertragen hat.

Eine wesentliche Bedingung war, die Rothschild-Sammlung der Öffentlichkeit vorzustellen. Bestandteil und fortwirkendes Medium der entsprechenden Ausstellung ist der Katalog. Mit ihm dokumentiert das MoMA eindrucksvoll, zu welchen wissenschaftlichen Leistungen es fähig ist. Nachgerade ein Kompendium ist entstanden, in dem jedes einzelne der 1233 (!) Bücher und Drucksachen nach allen denkbaren Publikationsdaten erschlossen und ein Großteil darüberhinaus auf 180 Farbseiten abgebildet ist.

Die Ausstellung selbst ist nach ihrer Erstpräsentation in New York jetzt nach Europa gekommen: ins Louisiana Museum für moderne Kunst nahe Kopenhagen, jenem Hort der Gegenwart, der sich oft auch der klassisch gewordenen Moderne annnimmt. Mit der russischen Ausstellung berührt es ältere Interessen. So war Kasimir Malewitschs Werk bereits 1960 am Øresund zu Gast.

Malewitsch darf natürlich in der jetzigen Übersicht mit rund 300 ausgewählten Buchbeispielen nicht fehlen: Von ihm stammen die Bühnenprospekte und Figurinen für die futuristische Oper „Sieg über die Sonne“, die bedeutendste Gemeinschaftsleistung der russischen Avantgarde vor dem Ersten Weltkrieg. Auch die Buchausgabe von 1913 ziert eine seiner Zeichnungen. In dieser Zeit ist Malewitsch auch als Gestalter ungemein produktiv, unter anderem mit einem Gedichtband von Wladimir Majakowski.

Das ist überhaupt der häufigste Name in der Rothschild-Sammlung, zum einen, weil Majakowski bis zu seinem Freitod im Jahr 1930 Dichtung auf Dichtung, Buch auf Buch häufte – in Auflagen wohlgemerkt, die oft nur 1000 Exemplare betrugen und selbst in der Blütezeit der vorstalinistischen Sowjetunion 10000 kaum je überschritten.

Es erstaunt ohnedies, wie sich eine solche Fülle von künstlerisch gestalteten Büchern über die Zeiten hat erhalten können. Die Avantgarde verfiel Anfang der Dreißigerjahre dem Verdikt Stalins, und zu den Zeiten der „Großen Säuberung“ Ende des Jahrzehnts konnte es lebensgefährlich sein, derartige Zeugnisse eines freien und kreativen Geistes zu besitzen. Viele Künstler passten sich den gewandelten Verhältnissen an. Frühere Avantgardisten wie Alexander Rodtschenko oder El Lissitzky arbeiteten für Jubelmagazine wie das exquisit und aufwändig gestaltete „SSSR na strojke“ („UdSSR im Aufbau“), das auch in deutscher und französischer Sprache erschien.

Was für ein weiter Weg von den Anfängen der Avantgardebücher! Vor dem Ersten Weltkrieg waren sie oft von Hand gefertigt, mit eingelegten oder -geklebten Grafiken, und verbanden die simultan stattfindende Revolution des bildnerischen wie des dichterischen Schaffens. Neue „Sprachen“ wurden ersonnen, und das grundlegende Manifest von 1912 verkündete der schockierten Bourgeoisie einen „Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack“. So ist denn auch die erste Abteilung der Ausstellung überschrieben.

Mit dem Sieg der bolschewistischen Revolution vom Herbst 1917 stellten sich viele Künstler bereitwillig in den Dienst der Propaganda. Der Rückgriff auf volkstümliche Formen der Kommunikation insbesondere in Gestalt des Bilderbogens „Lubok“, den die russische Avantgarde in scharfer Abwendung vom Westen bereits vor 1914 vollzogen hatte, kam jetzt der kommunistischen Ideologie zugute. Von der Kriegspropaganda, wie sie – wiederum – Majakowski und Malewitsch 1914 erstellt hatten, zum „Sowjetischen Alphabet“ des Dichters aus dem Jahr 1919 war es nur ein kleiner Schritt.

Vorherrschend wurde in den Folgejahren allerdings der Konstruktivismus, dessen Formensprache die Verschmelzung von grafischem Aufbau und Buchstaben forcierte. Einen Höhepunkt markiert Lissitzkys Gestaltung von Majakowskis „Für die Stimme“ (ebenfalls 1923), bei der Verse und Typographie zu einer untrennbaren Einheit werden.

Ab der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre spielt dann die Fotografie eine immer größere Rolle. Sie sollte die neue sowjetische Wirklichkeit anschaulich machen. Das stalinistische Regime verkehrte diesen Wirklichkeitsbezug der Fotografie ins Gegenteil: nicht die Wirklichkeit, sondern die Behauptungen der Propaganda wurden illustriert. Die Rolle der Typographie nahm ab, Experimente waren zunehmend verpönt. An ihre Stelle traten endlose Stalin-Zitate. Am Ende erschien selbst der Bau des „Weißmeerkanals“ – von NKWD-Häftlingen unter hohen Opfern ausgeführt – als heroische Leistung der bolschewistischen Planwirtschaft. Gestalter der entsprechenden Ausgabe von „SSSR na strojke“ von 1933 war Rodtschenko, der vielleicht tragischste Fall politischer Verstrickung.

Die Bücher werden nach ihrer Ausstellungstournee – eine deutsche Station ist im Gespräch – dem Licht entzogen werden und ins Depot wandern. Was für den Interessierten bleibt, ist dieser exzellente Katalog, das Zeugnis einer bewundernswerten mäzenatischen Anstrengung, mit dem das New Yorker MoMA erneut seine Vorrangstellung für die Kunst des 20. Jahrhunderts untermauert.

Humlebæk (DK), Louisiana Museum of Modern Art, bis 19. Januar. Katalog 65 $.

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