Kultur : Wotan gegen den Rest der Welt

Seinen ersten Film drehte Wotan Wilke Möhring mit 29 Jahren. Mit „Antikörper“ könnte er zum Star werden

Christian Schröder

Der Mann wirkt wie die Inkarnation von Marcuses „autoritärem Charakter“: innerlich unsicher und deshalb nach außen aggressiv. Seinem heftig pubertierenden Sohn verpasst er am Abendbrottisch gerne einmal eine Ohrfeige, und als sich der Junge einer Mitschülerin genähert hat, lässt er ihn 500-mal den Satz „Es ist unanständig, seinen Penis zu zeigen“ aufschreiben. In der thüringischen Provinz, wo dieser Michael Martens als Dorfpolizist arbeitet, scheinen die Verklemmungen der Fünfzigerjahre überwintert zu haben. Sein Erziehungskonzept lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Der Junge braucht moralische Strenge.“

„Moralische Strenge!“ Wotan Wilke Möhring nimmt die Wörter nur mit Widerwillen in den Mund, fast scheint er sie auszuspucken. Der psychisch labile Polizist, den er im Film „Antikörper“ spielt, ist ihm vom Typ her „fremd, eigentlich sogar suspekt“. „Martens kommt aus einer alten Welt, in der nicht das Eventuelle, sondern nur das Entweder-oder gefragt ist“: Gut oder Böse, Freund oder Feind, Täter oder Opfer. Aber natürlich sind es gerade die Brüche und Widersprüche eines Charakters, die einen Schauspieler reizen. Möhring zeigt Martens in dem von Jungregisseur Christian Alvart inszenierten Psychothriller als einen aus allen Gewissheiten herausstürzenden Kontrollfanatiker, der sich so sehr in die Ermittlungen gegen einen von André Hennicke dargestellten Serienmörder verstrickt, dass man ihm am Ende selbst eine Bluttat zutraut.

Es ist eine besondere biografische Pointe, dass der Schauspieler in seiner bislang größten Kinorolle ausgerechnet einen Ordnungshüter verkörpert. Gegen Autoritäten hat er immer aufbegehrt. Mit seinem Vater - er sagt im Ruhrpott-Slang „Vadda“ zu ihm – hat der vor 38 Jahren in Detmold geborene, in Herne aufgewachsene Möhring nach einem Streit schon mal monatelang nicht mehr gesprochen. Dem Vater, einem Wagner-Fan, hat er es auch zu verdanken, dass er nach dem germanischen Schicksalslenker benannt wurde. Er besuchte eine Waldorf-Schule, und lernte Geige, entschied sich dann aber doch dafür, als Gitarrist einer Punkband namens „Störaktion“ mit drei Akkorden „gegen Spießer und Polizisten, einfach gegen das Belassen der Zustände als solche“ anzuspielen. Konsequenterweise führte ihn sein Radikalismus anschließend – „wohl als einzigen Punk der Welt“, wie er nicht ohne Stolz glaubt – zur Bundeswehr. Vom aufgesparten Fallschirmjäger-Sold konnte er einen anderthalbjährigen Aufenthalt in New York und Mexiko finanzieren.

Möhring, ein heimlicher Star des deutschen Films, hat sich in den letzten sieben Jahren in zehn Kinofilmen von kleinen Auftritten in „St. Pauli Nacht“, „Das Experiment“ oder „Lammbock“ zu den Hauptrollen hochgespielt. Auf der Straße wird er trotzdem nur selten erkannt, was ihn nicht weiter stört, im Gegenteil: „Ein Star zu sein nimmt dir bloß Freiheit.“ Möhring redet schnell, die Gedanken scheinen sich in seinem Kopf zu überschlagen. Mit seiner fiebrigen Unruhe und der nasalen Aussprache erinnert er an den jungen Marius Müller Westernhagen. Für eine Fortsetzung des Westernhagen-Hits „Theo gegen den Rest der Welt“ war er bereits im Gespräch.

Möhrings Durchbruch hätte vor drei Jahren „Eierdiebe“ sein können, eine Tragikkomödie über junge Krebs-Patienten und seine erste Hauptrolle. Der Film bekam hymnische Kritiken, fand aber nur ein paar tausend Zuschauer. „Der Verleih hat nicht an den Film geglaubt und ihn desaströs vermarktet. Es gab nicht mal eine richtige Premiere.“ Nun steht Möhrings Name wieder am Beginn eines Vorspanns, aber diesmal hat die Verleihfirma Kinowelt „Antikörper“ bundesweit mit 200 Kopien gestartet. Plötzlich wird der Hauptdarsteller, der kein Star sein möchte, zu Talkshows eingeladen und muss Fragebögen von Frauenzeitschriften beantworten, in denen nach seinem Lieblingssong gefragt wird („1979“ von den Smashing Pumpkins).

Möhring kann sich furchtbar entrüsten, etwa wenn es um Berlin geht, die Stadt, in der er seit 1991 lebt: „Die Energie ist raus. Nachts werden hier die Lichter ausgemacht, heute ist Berlin so sehr eine Weltstadt wie Paderborn.“ Mit dem Nachtleben kennt Möhring sich aus, er hat eine Zeit lang den Club „Tabu“ an der Rosenthaler Straße betrieben und ist mit dem Electro-Musiker Gabi Delgado als „DAF.dos“ durch Europa getourt. Für seinen Lebensunterhalt trat er nebenbei in Werbespots auf. Dann schickte ihn seine Agentur zum Casting für den Fernsehfilm „Die Bubi Scholz Story“. Da war er schon 29, der Rest ist Filmgeschichte.

Dass er noch nicht weggezogen ist aus Berlin, hat einen guten Grund: Möhring ist momentan einfach zu beschäftigt. Gerade steht er für das ZDF-Fernsehspiel „Schnee im Sommer“ vor der Kamera. Im August startet das Country-Musik-Drama „Almost Heaven“ mit Möhring als Ehemann von Heike Makatsch, die Ruhrpott-Komödie „Goldene Zeiten“ kommt im Herbst in die Kinos. Dabei lehnt er die meisten Angebote ab, Serien und romantische Komödien finden bei Möhring keine Gnade. „Die versuchen immer wieder, mich mit Kohle weich zu kochen.“ Natürlich vergeblich: Ein alter Punk weiß, dass es bei der Arbeit auf mehr ankommt als bloß aufs Geld.

„Antikörper“ läuft in 14 Berliner Kinozentren

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