• Wovon Poeten in der letzten Stunde träumen Die mystische Vereinigung zweier Phänomene:

Kultur : Wovon Poeten in der letzten Stunde träumen Die mystische Vereinigung zweier Phänomene:

Mein Lieblingswort (7) / Von György Dalos

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Der „Deutsche Sprachrat“ und das GoetheInstitut haben in einer Publikumsumfrage das „liebste, schönste, kostbarste deutsche Wort“ gesucht. Aus über 22000 Einsendungen – knapp ein Drittel aus dem Ausland – wird eine Jury, der auch Popstar Herbert Grönemeyer und der FußballtrainerVolker Finke angehören, bis Ende September die Voten mit den „charmantesten Begründungen“ auszeichnen.

In zehn Folgen, initiiert vom Kulturradio des RBB, schreiben hier deutsche Schriftsteller über ihre eigene Wort-Wahl. Bisher kürten Brigitte Kronauer „Nachtviolen“ (31. Juli), Wladimir Kaminer „Staatsangehörigkeitsangelegenheiten“ (3. August), Julia Franck „Also“ (5. August), Urs Widmer „Anmutig“ (9. August), Ludwig Harig „erzählen“ (11. August) und Jenni Zylka „Puschelschwanz“ (18. August). Demnächst folgt Eckard Henscheid.

Zu diesem Wort bin ich zufällig gekommen. Der Sohn eines Freundes büffelte soeben ein Lehrbuch über die Straßenbauordnung und sagte den Satz auf: „Der Lichtraum ist jener Raum, der für den Verkehr freizuhalten ist. Äste von Bäumen und Sträuchern, Verkehrszeichen, andere vertikale Leiteinrichtungen, Beleuchtungsmaste und Ähnliches dürfen in den Lichtraum ragen.“

Da ich kein Straßenarchitekt bin und ziemlich wenig mit Verkehrszeichen, Leiteinrichtungen und Beleuchtungsmasten anfangen kann, nicht einmal allzu viel mit Ästen von Bäumen und Sträuchern zu tun habe, ragte für mich das Wort „Lichtraum“ aus dem strengen Kontext des Lehrbuches, gleich als etwas allein existentes, für sich seiendes heraus. Zuerst assoziierte ich ein imaginäres juristisches Prinzip: Das Licht habe demgemäß ein natürliches, seit Urzeiten verbrieftes Recht auf den Raum, ebenso wie dieser einen berechtigten Anspruch darauf besitze, belichtet zu werden. Selbst die Äste von Bäumen und Sträuchern dienen von diesem Standpunkt aus nur als wohlwollend zugelassene Ausnahmen, welche die goldene Regel bestätigen.

Andererseits stellte ich mir vor, dass es sich hier um ein historisch erworbenes Recht handelt. Nicht immer war es nämlich selbstverständlich, dass dem Licht ein entsprechender Raum zusteht, vielmehr müsste es jeden Quadratmillimeter vom Dunkel erkämpfen um seine Schönheit weit und breit entfalten zu können. Irgendwann existierte vielleicht das Licht sogar, ohne einen klar umrissenen Platz zu haben, unterirdisch, in der Tiefe des Weltmeeres versunken, von der jeweiligen Straßenbauordnung aus gesehen, sozusagen illegal. Der verdunkelte Raum sehnte sich gleichzeitig nach seinem Element, dem Licht und seine Poeten wünschten sich in ihren letzten Worten eben mehr Licht, während die Lyriker der Sonne, des Mondes und der Sterne mit stockendem Atem um mehr Raum rangen. Bis dann eines schönen Tages die Vereinigung erfolgte – heute würden wir sie vielleicht Wiedervereinigung nennen – und es entstand das wunderbarste Phänomen der physischen Welt: Der Lichtraum.

Ist aber der Lichtraum wirklich physischer Natur, frage ich mich, nach dem mir der freie Umgang mit dem zufällig in die Hand gefallenen Begriff immer mehr Genuss bereitet. Selbst das obige, etwas politisch anmutende Märchen, jedes Phantasieren und Denken spielt sich in einer Dimension ab, die ohne Ausdehnung und Klarheit nicht auskommen kann, das heißt, einen Lichtraum braucht, wenigstens einen winzigen Lampenschein, der in uns aufgeht und nur mit uns selbst ausgelöscht werden kann.

Denn schließlich ist jeder Mensch, sobald er es will, ein Lichtraum in einer Person, er erzeugt und verbraucht den eigenen Strom und versucht im ständigen Funkkontakt mit der übrigen Welt die Straßenbauordnung im weitesten Sinne, jawohl die Äste von Bäumen, die Sträucher, und wenn es sein muss, die Verkehrszeichen, andere vertikale Leiteinrichtungen, Beleuchtungsmaste oder Ähnliches am Leben zu erhalten.

György Dalos ist einer der bekanntesten ungarischen Schriftsteller und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Ungarn in der Nussschale. Geschichte meines Landes im C.H.Beck Verlag München

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