• Wovor sich Diktatoren fürchten Verfolgte Kunst: Eröffnung des Bar-Gera-Museums in Israel

Kultur : Wovor sich Diktatoren fürchten Verfolgte Kunst: Eröffnung des Bar-Gera-Museums in Israel

Klaus Brath

Ein Gesicht mustert frontal den Betrachter, der Mund ist verbunden, die Hände sind verschränkt: eine Farb-Radierung des russischen Künstlers Michail Schemjakin. Das symbolträchtige Werk „Gott des Schweigens“ gehört zur ungewöhnlichen Kunstsammlung von Jacob und Kenda Bar-Gera. Das seit 1963 in Köln lebende Paar – Jacob Bar-Gera verstarb im Januar 2003 – sammelte Kunstwerke, die verboten und deren Schöpfer verfolgt waren. Nun findet ein Teil der Sammlung, ihre bedeutende Kollektion russischer Nonkonformisten von 1955 bis 1988, in der israelischen Hafenstadt Ashdod eine neue Heimstatt. Das international einzigartige „Bar-Gera-Museum für verfolgte Kunst und Künstler“ wird heute in Anwesenheit des israelischen Staatspräsidenten Moshe Katsav und des deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau mit der Sonderausstellung „Verfolgte Kunst & Künstler in Europa unter totalitären Regimen im 20. Jahrhundert“ eröffnet.

Viele Künstler mussten leiden, erhielten Mal- und Ausstellungsverbote wie die „entarteten“ Künstler im Nazideutschland, waren zum Exodus gezwungen wie die spanischen Avantgardisten unter dem Franco-Regime, wurden verbannt wie Lew Kropiwnizki in der Stalin-Ära und schikaniert wie Ernst Neiswestny unter Chruschtschow, wurden ermordet wie Federico García Lorca im spanischen Bürgerkrieg oder wie Felix Nussbaum in Auschwitz. Massive Verfolgung durch Diktaturen – Erfahrungen, die auch das Leben der beiden jüdischen Museumsbegründer bestimmten.

Der in einem ukrainischen Schtetl aufgewachsene Jacob Bar-Gera überlebte erst die Sowjetmacht und dann die Nazis. Ghetto in Lodz, Auschwitz, Arbeitslager in Niederschlesien, Ermordung fast der gesamten großen Familie waren Marksteine im Leben seiner Frau, ehe sich die beiden in Palästina kennenlernten und später in Deutschland der Kunst verschrieben. „Mein Mann und ich“, bekennt Kenda Bar-Gera, „waren Kinder des Krieges, wir waren beide verfolgt, und so habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, verfolgten Künstlern die Ehre zu erweisen.“ Jacob Bar-Gera, der einen Förderverein mit prominent besetztem Kuratorium – darunter Wolfgang Thierse – für das Museum gründete und finanzielle Unterstützung unter anderem von Außenminister Fischer erhielt, kümmerte sich um die organisatorischen, seine Frau, eine international anerkannte Galeristin, um die künstlerischen Seiten des Museums, an das zukünftig ein interdisziplinäres Forschungsinstitut angeschlossen werden soll.

Die über 300 Werke umfassende Eröffnungsausstellung zeigt Werke von in Vergessenheit geratenen Künstlern wie Marcelle Cahn und Otto Nebel bis hin zu großen Namen wie El Lissitzky, Ilya Kabakov, George Grosz und Max Beckmann. Erstmals werden die Kunst der ersten und der zweiten russischen Avantgarde, Werke „entarteter Kunst“ der Nazizeit und regimekritische Kunst aus dem Spanien der Franco-Diktatur einander gegenübergestellt.

Die Ausstellung macht deutlich, wie uneinheitlich die unter dem Vorzeichen des Terrors entstandene Kunst doch ist – in ihren Entstehungsbedingungen, aber auch methodisch, stilistisch, ästhetisch. Und sie schärft die Sinne für das emanzipatorische Potential der Kunst: Warum etwa war der Konstruktivismus verpönt? Kenda Bar-Gera: „Zwei Striche, ein Quadrat zu machen zeugt von Phantasie und freiem Denken. Deshalb haben Diktatoren Angst vor der freien Kunst.“

Kunstmuseum Ashdod, bis 22. September. Katalog (in englisch) im Kettler-Verlag, Bönen.

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