"Woyzeck" am Deutschen Theater : Erbsenquälerei

Am Deutschen Theater erweist sich „Woyzeck“ als ungeeignetes Stück für Regisseur Sebastian Hartmann.

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Katrin Wichmann und Benjamin Lillie spielen Marie und Woyzeck.
Katrin Wichmann und Benjamin Lillie spielen Marie und Woyzeck.Foto: Arno Declair

Der Soldat und Gelegenheitsjobber Woyzeck ist ja vor allem für seine einseitige Zwangsdiät bekannt: Als Teilnehmer einer demütigenden medizinischen Studie nimmt er monatelang nichts als Erbsen zu sich. Die Aufwandsentschädigung, die er dafür bekommt, liefert er fürsorglich bei seiner Freundin Marie und dem gemeinsamen Kind ab. Als Marie sich sozial nach oben orientiert und mit dem Tambourmajor zu liebäugeln beginnt, bringt Woyzeck, der (sicher auch infolge des übermäßigen Erbsenkonsums) immer wieder Stimmen hört, sie um.

„In Drucksituationen beginnt man zu töten: Das ist eine vereinfachte Vorstellung“, widerspricht nun Regisseur Sebastian Hartmann im Programmheft zu seiner Büchner-Inszenierung am Deutschen Theater einer verbreiteten „Woyzeck“-Lesart. Statt den Stoff als das Sozialdrama zu inszenieren, als das es gemeinhin gesehen wird, interessiere ihn die tieferliegende Frage: „Was ist das für ein Mechanismus in uns, der nach Vernichtung schreit?“ Also: hoher Anspruch, große Frage, weites Feld. Als Zuschauer braucht man entsprechend gute Nerven.

Tatsächlich spielt die Erbsendiät im Deutschen Theater schon deshalb eine sehr untergeordnete Rolle, weil der Doktor, der bei Büchner das fragwürdige Experiment veranlasst und lüstern überwacht, bei Hartmann als Figur überhaupt nicht auftritt. Genauso wenig wie der Tambourmajor oder der zweite große Woyzeck-Demütiger, der Hauptmann. Durchaus von Bedeutung ist die Erbsenstory jetzt im DT allerdings als Motivatorin eines ausgedehnten Rumpelstilzchen-Solos des Woyzeck-Darstellers Benjamin Lillie zum Thema ,mangelnder Harndrang‘. In einer zentralen Szene springt der junge Schauspieler, mit dem Hartmann schon während seiner Intendanz in Leipzig zusammenarbeitete, nackt über die Bühne, brilliert mit beischlafaffinen Becken- sowie bemerkenswert artistischen Penis-Schwingungen und versucht seiner Harnröhre gefühlte zwanzig Minuten lang so lauthals wie vergeblich „Pipi“ abzupressen. Während der spontane Urintest bei Büchner zum ärztlichen Demütigungsprogramm gehört, ist es hier nur die von Katrin Wichmann gespielte Marie, die Zeugin der Harnröhren-Impotenz wird – und sich auch gleich zum „Pipi“ hinkauert.

Hartmann reduziert das Stück auf Woyzeck und Marie

Denn bei Sebastian Hartmann existieren überhaupt nur Woyzeck und Marie. Der Regisseur hat den Abend mit den beiden Schauspielern entwickelt und ihnen dabei laut Programmheft so viel Freiraum gelassen, dass, „wenn es gut läuft“, in der Bühnenpraxis laufend „neue Spielzüge entstehen“ und der Abend also von Vorstellung zu Vorstellung variiert. Zur Premiere sieht es eher – recht überschaubar – so aus, dass Wichmann und Lillie hundert Minuten lang eine Mischung aus recht gegenständlichem Geschlechterclinch und entrückter Endzeitparty abliefern. Sie agieren dabei auf einer vom Regisseur selbst entworfenen schwarzen Bühnenschräge mit dem Charme einer regennassen Industriebrache.

Der Musiker Ch. Mäckie Hamann kreiert dazu den passenden Sound, der Videokünstler Voxi Bärenklau die entsprechende Bewegtbild-Atmo. Und Büchners Fragment dient den beiden Akteuren als eine Art Textbaukasten, aus dem sie sich figurenübergreifend beim kompletten Stückpersonal bedienen, um mal mehr, mal weniger zusammenhängende Spielsituationen und Beziehungskonstellationen zu schaffen. Pantomimisch abgestochen wird hier also nicht nur Marie von Woyzeck, sondern auch mal Woyzeck von Marie.

Zudem gibt es Flirt- und Streitszenen, Tanztheatereinlagen der eher hölzernen Sorte, unangenehme Beziehungsdialoge („Ess’ er auch seine Erbsen, Woyzeck?“) oder romantische Umarmungsszenen mit und ohne Kunstbluteinsatz. Das Fremdtextaufkommen wächst derweil: Wichmann, die gerade noch den Büchner’schen Tambourmajor imaginiert hatte, spricht etwa Heiner Müllers „Herakles“-Variation „Die Hydra“, in der der Held irgendwann merkt, dass Ungeheuer und Wald, in dem er es sucht, niemand anderes sind als er selbst. Lillie steuert später einen themenverwandten Ausschnitt aus Büchners „Lenz“ bei, dem auf seinem Weg „durchs Gebirg“ Zeit- und Ortsgefühl abhanden kommen und die Felsen zu sprechen scheinen.

Wenn dann kurz vor Schluss die Drehbühne kreist und den Blick freigibt auf eine apokalyptisch ausgedörrte Baumgruppe vor Flusslandschaft, holt Woyzeck schließlich zur finalen Deklamation von Heiner Müllers unter anderem von Mann, Frau, Mord und Totschlag handelnder „Bildbeschreibung“ aus.

Obwohl die Schauspieler ihr Bestes tun, hat man letztlich nicht den Eindruck, dass „Woyzeck“ der für Hartmanns Erkenntnisinteresse geeignete Text ist. Zudem verschmälert die Reduktion auf die Mann-Frau-Konstellation, das Sozialdrama ohne Sozialfokus, eher das Sujet. Dafür darf sich Berlin jetzt als „Woyzeck“-Stadt auf die Schulter klopfen. Gleich drei verschiedene Inszenierungen laufen hier zurzeit: Neben Mirko Borschts schon in der letzten Spielzeit frei nach Büchner auf die Gorki-Bühne gebrachtem „Woyzeck III“ hatte vor vier Wochen bereits Leander Haußmann am BE nachgezogen und das prekäre Soldatenschicksal als großes Kriegstrauma-Melodram inszeniert.

Wieder am 11., 16. und 22. Oktober

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