Kultur : "Wozu Kultur?": Hellwach

Christiane Peitz

Alle reden von ihr, aber keiner kennt sie genau. Sie ziert die Kopfleiste dieser Seite, sie ist teuer und taugt zur Begriffserweiterung. Man denke nur an die Hauptstadt-, die Agrar-, die Leit- oder die Redekultur. Letztere kommt an diesem Abend nach Kräften zum Zug, hat der Rat der Künste doch einige Virtuosen der Wortgewalt aufs Podium geladen, darunter Kulturstaatsminister Michael Naumann und Berlins Kultursenator Christoph Stölzl: "Wozu Kultur?" - ein rasanter Wettstreit um die beste Pointe. Sie ist bedroht, ruft Moderator Jens Jessen in den überfüllten Saal. Sie ist antidemokratisch und bleibt dennoch die Schlange am Busen des Kapitalismus. Von wegen, pariert Dirk Baecker, Professor für Unternehmenskultur, sie betreibt im Gegenteil die Zähmung der Künste. Christoph Stölzl freut sich derweil, dass ein kapitalistischer Konzern seinem "Zeit"-Feuilletonchef Jessen die wieder den Stachel löckenden Sottisen entlohnt. Ende der Exposition.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Kultur, so der Molekularbiologe Detlev Ganten, begann mit der Hefekultur. Der Mensch wurde sesshaft und legte sie an. Ein paar tausend Jahre habe es seitdem gedauert, bis Geist und Natur sich wieder versöhnten. Man denke nur an den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Der sei, so Stölzl, mit sich selbst identisch und folglich sein eigener Klon. Womit wir bei den Labors wären, den Musentempeln als den letzten Freiräumen für den Möglichkeitshorizont. Nur hier darf sein, was sonst nicht sein darf. Deshalb werden diese Stätten von denen, die sie nie betreten, am meisten gebraucht. Wie der berühmte Münchener, der dem Sensenmann verspricht, er gehe im Überlebensfall doch noch in die Pinakothek.

Haltet ein, bedeutet Carl Hegemann, Dramaturg und Volksbühnen-Chefideologe: Kultur ist die zerbrochene Wahrheit. Die Volksbühne schreibt den Anachronismus auf ihre Fahnen und gilt gerade deshalb als hip. Will heißen: Kultur ist Milljöh, eine Heimstatt für die Gemeinschaft der Wenigen, die sich die eigene Ausweglosigkeit auf der Bühne vorführen lässt und eben darin Trost finden kann.

Ambivalent ist sie also auch, die Kultur. Michael Naumann gibt den Mahner, den feinsinnigen Skeptiker, der sich für die Endrunde gegen Stölzl warmläuft. Wer Kultur für zivilisatorische Zwecke instrumentalisiert, hat die Barbarei bekanntlich noch nie verhindert (Naumann). Das gemeinsame Anhören der "Kleinen Nachtmusik" ersetzt den Rechtsstaat nicht (Stölzl). Kultur, diese notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Zivilität, bleibt prekär (Naumann). Von wegen Leitkultur. Es reicht, dass wir uns gegenseitig nicht die Köpfe einschlagen, egal, ob die Kultur oder die Polizei dafür sorgt. Patt, Applaus und allgemeine Erschöpfung. Kultur ist, wenn am Ende keiner gewinnt.

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