Kultur : Wozu noch Lesesäle?

Das neue Jahrbuch der Stiftung Preußischer Kulturbesitz fragt nach der Zukunft der Bibliotheken

Bernhard Schulz

Das zurückliegende Jahr war eher Alltag in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Es gab keine spektakuläre Eröffnung, und die nennenswerte politische Entscheidung, dass die 16 Bundesländer die Finanzierung des Betriebshaushaltes fortsetzen wollen, bekräftigte lediglich den Status quo.

So überrascht denn das soeben erschienene Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz mit einer gewissermaßen subkutanen Neuerung: Statt sich strikt an den eigentlichen Berichtszeitraum zu halten – in diesem Fall das Kalenderjahr 2002 –, greift es aus bis nahe an die Gegenwart. Nie zuvor gesehen, liest man mit einem Mal Reden, die gerade erst im Sommer des zurückliegenden Jahres gehalten worden sind, wie Museums-Generaldirektor Peter-Klaus Schusters launige Ansprache zum fünften Jahrestag der Neuen Gemäldegalerie am Kulturforum. Desgleichen ist die Wiedereröffnung von Schloss Köpenick im September 2003 bereits verzeichnet.

Wenn dies erste Schritte zur überfälligen Aktualisierung des Jahrbuchs sein sollten: umso besser. Der brisanteste Beitrag ist zweifellos derjenige der Bibliotheksfachleute Barbara Schneider-Kempf und Martin Hollender: „Brauchen wir im digitalen Zeitalter noch Lesesäle?“ Angesichts der dreistelligen Millionensumme, die für die Restaurierung des Altbaus der Staatsbibliothek Unter den Linden einschließlich eines neuen, kubischen Lesesaales nach Entwurf des Architekten HG Merz veranschlagt werden, birgt die Frage Sprengstoff.

Die Autoren beschreiben den Funktionswandel der Bibliothek von der Bereitstellung eigener Materialien hin zum Zugriff auf digitalisierte Bestände weltweit – und verkennen mitnichten die Tendenz zur Selbstaufhebung des überkommenen Lesesaals. Freilich, diese Tendenzen greifen erst im Laufe von Jahrzehnten, sie haben vor allem einen – weithin unterschätzten – Kostenaspekt für den Nutzer.

Aber dass das Jahrbuch ein derart brisantes Thema anreißt, spricht für den prononcierteren Zugriff, den diese nun schon zum 39. Male erscheinende Publikation offenbar ausüben will. Dafür spricht ferner, dass mit dem „Kuratorium Museumsinsel“ und dem „Verein der Freunde der Nationalgalerie“ eigenständige Einrichtungen zu Wort kommen, die nicht dem offiziellen Strauß der Institutionen zuzurechnen sind. – Die Modernisierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die sich ihr Präsident Klaus-Dieter Lehmann auf die Fahnen geschrieben hat, kommt voran.

Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz, Band XXXIX (2002). Gebr. Mann Verlag, Berlin 2003, 470 Seiten mit 91 Abbildungen, gebunden 25 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar