Kultur : Wucherwerk

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Die „bleichen Blumen der Erinnerung“ beschwört der weitgehend vergessene belgische Komponist Guillaume Lekeu in seinem Adagio für Streichorchester.

Schon mit dieser Überschrift befindet er sich mitten im französischen Symbolismus, mitten in einer Gefühlswelt der Andeutungen, die stets mehr zu bedeuten haben. Was als düsterer Trauermarsch beginnt, steigert sich bald in eine sanft fließende Polyphonie, in der sowohl Wagners harmonische Welten als auch impressionistische Klänge durchscheinen. Mit recht ausladenden Gesten gibt der Dirigent Philippe Jordan dem Streicherklang des Deutschen Kammerorchesters starke Konturen und vielfach gestaffelte Farben. Dabei hat er den Trauergestus der Musik nie überbetont.

Eine Sichtweise, die auch den „Metamorphosen“ von Richard Strauss gut tut. Endlich ist dieses Werk nicht als sentimentaler Rückblick auf zerbombte Opernhäuser zu hören, wie es allzu oft gespielt wird. Stattdessen macht Jordan die Streicherstudie zur organischen Großform, deren Entwicklung in jeder Sekunde verblüfft. Wie souverän Philippe Jordan dieses recht unförmig wuchernde Werk in spannende Musik umformen kann, zeugt von seinem intelligent strukturierendem Zugriff.

Mit derselben Präzision gespielt, entwickelt auch Felix Mendelssohn-Bartholdys frühes a-moll-Klavierkonzert Charme und einigen Humor. Zwar könnte man sich im langsamen Satz noch einige melancholischere Töne wünschen, doch diese minimale Einschränkung gleicht die junge griechische Pianistin Maria Zissi vielfach aus durch wagemutiges Spiel. Mit sanften Verzögerungen, weit ausgesungenen Linien und musikantischer Spielfreude hält sie das Frühwerk Mendelssohns stets auf der Kippe zwischen Mozartscher Leichtigkeit und romantischer Verschattung. Eine Attitüde, die vortrefflich mit dem Deutschen Kammerorchester harmoniert, das sich mit Hingabe vor allem den zu Unrecht vergessenen Kompositionen widmet.Uwe Friedrich

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