Kultur : Wuchtig

Roman Rhode

Der israelische Sänger Emil Zrihan stellt seine meist arabischen Musiker dem Publikum auf Französisch vor. Das ist aufschlussreich. Denn anders als viele Politiker seines Landes, die sich gern mit amerikanischem Akzent präsentieren, benutzt Zrihan die elegante Sprache der Diplomatie. Zugleich zollt er damit jener Region Respekt, in der er selbst geboren wurde: dem Maghreb. Als Nachfahre sephardischer Juden kam er erst als Neunjähriger von seinem Geburtsort Rabat nach Israel. Dort ist er heute Kantor in der Hauptsynagoge von Ashkelon. Die Stadt liegt nur 20 Kilometer von der Nordgrenze des Gazastreifens entfernt.

Bei seinem Auftritt im Haus der Kulturen der Welt bietet Zrihan mehr als nur liturgische Lieder. Zwar singt er auch hebräische Lobpreisungen des Herrn. Besonders angetan ist er jedoch von mittelalterlichen Romanzen aus dem arabisch-andalusischen Raum, die bis heute zur Tradition der nordafrikanischen Juden gehören. Damit verbindet Zrihan Vergangenheit und Gegenwart, Orient und Okzident, Wirklichkeit - und ein Stück Utopie. Seine Stimme, einer der besten Kontratenöre überhaupt, steigt besonders dann zu melismatischen Höhenflügen auf, wenn er über die Musik von Laute, Violine, Zither und Perkussion improvisiert. Dabei ist Zrihans Gesang so mächtig, dass jedes Mikrofon überflüssig erscheint. Möge er den Rahmen des World Festival of Sacred Music sprengen und bis zur umkämpften Nahtstelle der Religionen dringen.

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