Kultur : Wünschelrutengänger

Isabel Herzfeld

"Es bricht die neue Welt herein, verdunkelt den hellsten Sonnenschein. Man sieht nun aus bemooßten Trümmern eine wunderseltsame Zukunft schimmern ..." Verstörende Verse stellt Novalis dem zweiten Teil seines "Heinrich von Ofterdingen", Schlüsselwerk einer alles andere als "heimeligen" Romantik, voraus. Verstörend auch, was Wolfgang Rihm in seinem beim Festival "UltraSchall" uraufgeführten Werk "Astralis" damit macht. Der Meister des eruptiven Ausdrucks, des körperhaft greifbaren Klangs und der kreativ zerklüfteten Sprachbehandlung überrascht mit einer Eins-zu-Eins-Vertonung, in selten polyphon aufgebrochenem Chorsatz. Zuweilen recht unsicher tastet sich der von David Jones geleitete Rundfunkchor Berlin durch bekannt scheinende, dissonant entgleitende Harmonien. Einsam platziert David Geringas seine kargen Cellolinien wie Nadelstiche ins Klanggewebe, das Claudia Sgarbi mit sanftem Paukengrollen umwölkt. Gegenüber solcher Beklemmung, die das Alte nicht mehr will und dem Neuen nicht traut, ist bei Sofia Gubaidulina alles klar. Die tief religiöse Russin schuf mit dem "Sonnengesang des Franz von Assisi" ein aufs Feinste ausgehörtes Klangritual. Hier kann der Chor in lupenreinen Dreiklängen vornehm-schwarze Bässe, licht schwebende Soprane zeigen. Das qUAdRUM Schlagzeugquartett setzt an silbriger Celesta, Zymbeln und wohl abgestimmten Wassergläsern Akzente in die Litanei. Das Cello zittert mit vibratogesättigter Kantilene, doch wenn sein Dompteur Geringas vor dem Chor wie ein Wünschelrutengänger das Flexaton schüttelt und den Sängergruppen auf einen Bogenstrich ein brünstiges "Miserere" entlockt, ist der fromme Mummenschanz komplett. Erfreulicher, wie nicht von dieser Welt, erschien die Kostprobe an unbezähmbarer Spielenergie, die der große Cellist zu Beginn mit dem Solostück "Das Buch" von Peteris Vasks gegeben hatte.

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