Kultur : Würdest du mich töten?

Forum (2): „Final Solution“ von Rakesh Sharma zeigt, wie politische Propaganda in Indien funktioniert

Silvia Hallensleben

„Final Solution“ provoziert: Rakesh Sharmas Dokumentation über religiös motivierte und politisch induzierte Gewalt gegen die moslemische Minderheit im nordwestindischen Gurajat wurde in Indien mit 50 weiteren politisch missliebigen Filmen nicht zum offiziellen Mumbai Film Festival Anfang Februar eingeladen. Eine Missachtung, die von vielen indischen Filmemachern als Zensureingriff verstanden und mit der spontanen Etablierung eines parallelen unabhängigen Alternativfestivals – des Vikalb Films for Freedom – beantwortet wurde.

Dabei ist Sharmas Film bei aller Parteilichkeit für die moslemischen Opfer der Pogrome keineswegs eindimensional. Er befragt etwa auch Angehörige von Überlebenden des Attentats vom 27. Februar 2002, das zum Anlass der Gewaltwelle herhalten musste. Die Umstände des Blutbads auf dem Bahnhof von Godhra, bei dem 59 Menschen verbrannten, sind immer noch ungeklärt. Doch die Radikal-Hinduisten haben schnell moslemische Terroristen als Täter und Hintermänner ausgemacht: Solche Feindbilder sind auch in Indien nützlich in einem Wahlkampf, in dem rassistischer Hass zum Stimmenfang dient. Sharmas Dokumentation der Vorfälle, die sich in ihrer ausufernden Länge von 218 Minuten indischen Sehgewohnheiten anpasst, untersucht die nachfolgende Gewaltwelle in vier Kapiteln mit der Befragung vieler Opfer und ausgiebigen Exkursen in die Gedankenwelt der Nationalisten.

So erschütternd die Zeugnisse der Frauen und Männer sind, die Verfolgung, Vertreibung und Vergewaltigungen überlebt haben – am erhellendsten für westliche Zuschauer sind wohl die Nahansichten führender Vertreter der Vishwah Hindu Parishad und ihrer Anhänger. Brandreden und hinduistische Werbevideos machen „Final Solution“ zur aufschlussreichen Dokumentation fundamentalistischer Propagandamechanismen, die sich keineswegs auf den asiatischen Raum beschränkt. Leider sind sie erfolgreich: Und so gibt es in der politischen Realität kaum einen Hoffnungsschimmer am Horizont, auch wenn Rakesh Shanda mit einer letzten aufklärerischen Geste Einsicht wenigstens bei der nachfolgenden Generation versucht. „Ich bin auch ein Hindu“, erklärt er dem kleinen moslemischen Jungen, dessen Lebensträume schon zu einer einzigen Rachefantasie zusammengeschrumpft sind. „Würdest du mich töten?“

Heute 12.45 Uhr (Cinemaxx 3), morgen 11Uhr (Delphi), 15.2. 13 Uhr (Arsenal)

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