Kultur : Würstchen und Wahnsinn

Berlin im Kunstrausch: Ein Rückblick.

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Was für ein Wochenende liegt hinter uns! Gallery Weekend, Berlin Biennale, Lange Nacht der Theater und Oper. Dazu zwei Millionen Touristen in der Stadt. Aber warum liefen nur vereinzelt Besucher durch das große Zeltlager, das die Occupy-Bewegung zur Berlin Biennale in den Kunst-Werken aufgeschlagen hat? Am schönen Wetter konnte es nicht liegen, denn das hat auch nicht die Pilgerströme abgehalten, die sich von einem Gallery-Weekend- Ort zum nächsten schoben. Hat es sich Kurator Artur Zmijewski mit der Einladung der Aktivisten doch zu einfach gemacht, Kunst und Politik zu verknüpfen? Die Biennale läuft noch bis zum 1. Juli (das wird bei dem Wirbel um dieses Kunstwochenende der Extraklasse manchmal vergessen). Dann ist Zeit für eine Bilanz. Der Eröffnungsabend jedenfalls war alles andere als subversiv und politisch: Im überfüllten Innenhof standen die Menschen bei Bier und Würstchen, viele ließen die Kunst gleich ganz beiseite, es war einfach zu voll. Networking, Smalltalk, eine vergnügliche Party unter freiem Himmel mit Sehen und Gesehenwerden.

Einen Tag später wiederholte sich das Ganze noch einmal zum Beginn des Gallery Weekends auf den Gehsteigen vor den Galerien der Stadt. Nur dass das Gallery Weekend vor allem eine kommerzielle Veranstaltung ist.

Und auch wieder nicht. Natürlich wurden die Sammlergrüppchen, Kuratoren und Museumsleute aus aller Welt mit den dunklen VIP-Autos vorgefahren, um dann recht schnell in die Séparées zu verschwinden. Aber an so einem Wochenende stehen die Türen eben für jeden offen. Und so kamen viele, viele junge Künstler und Kulturschaffende, die gerade erst nach Berlin gezogen sind oder überlegen herzuziehen, weil sie hier die einmalige Gelegenheit haben, sich einen Überblick zu verschaffen und Kontakte zu knüpfen. Aber auch kunstinteressierte Berliner und Touristen. Wer sich sonst nicht in Galerien traut, weil die immer so peinlich leer sind und man sich das meiste eh nicht leisten kann, der darf sich einfach ganz entspannt mittreiben lassen. Man fällt nicht auf, im besten Fall kommt man mit seinem Nachbarn ins Gespräch über die Kunst, weil plötzlich die Stimmung schön flirrend und eben nicht bleiern-ernst ist. Und das alles ohne Eintritt – wie erstmals auch die Berlin Biennale. Das ist demokratisches Kunsterleben.

Von einer „Wahnsinnsresonanz“ sprach Organisator Michael Neff. Dass Berlin konzentrierte Aufmerksamkeit aus der ganzen Welt beschert war, nutzte auch der japanische Manga-Pop-Art- Künstler Takashi Murakami, ein Meister der Selbstvermarktung: Er feierte am Samstag schon mal eine Voreröffnungsparty, obwohl seine Galerie in der Kreuzberger Dieffenbachstraße erst im Juni offiziell aufmacht.Anna Pataczek

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