Würth-Preis für Vision String Quartet : Steht auf, wenn ihr Streicher seid

Das Vision String Quartet erhält den Würth-Preis - und bedankt sich mit einem ebenso witzigen wie virtuosen Konzert.

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Lässige Herren: Das Vision String Quartet.
Lässige Herren: Das Vision String Quartet.Foto: promo

Lässige Stand-up-Comedy ist so ziemlich das Letzte, was man anlässlich einer Feierstunde für ein Kammermusikensemble erwartet. Bei der Verleihung des Würth Preises der Jeunesses Musicales Deutschland aber gelingt den jungen Herren des Vision String Quartets genau das: Ihre Dankesrede halten sie zu viert – und erzählen dabei auf so entwaffnende Weise von Pleiten, Pech und Pannen, von anfänglicher Naivität und ihrem künstlerischen Lotterleben, dass sich die Zuhörer im Berliner Würth-Haus auf der Insel Schwanwerder vor Lachen biegen.

Noch mehr Witz, noch mehr jugendliches Feuer und Lebensneugier offenbaren Jakob Encke, Daniel Stoll, Sander Stuart und Leonard Disselhorst nur, wenn sie Musik machen: im Stehen übrigens und auswendig. Beides wirkt ziemlich revolutionär im Kontext des klassischen Konzertrituals, in beiden Fällen aber steht nicht die strategische Überlegung dahinter, sich einen Aufmerksamkeitsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen, sondern ein innerer Drang.

Steht auf, wenn ihr Streicher seid! Damit ihr euren Körper besser spüren könnt beim Spielen. Und steigt so tief in die Stücke ein, dass ihr beim Musizieren frei seid vom Notentext, damit ihr per Augenkontakt kommunizieren könnt. Mit dieser Einstellung – und der nötigen technischen Bravour – lassen die visionären Mittzwanziger alle Dissonanzen in Bartoks 3. Streichquartett ganz selbstverständlich erscheinen. Wie improvisiert klingt das, ungemein vital, plastisch und elektrisierend.

Gegen Panikmache sind die heißblütigen Jungs immun

Auch Erwin Schulhoffs „Fünf Stücke für Streichquartett“ von 1924 wirken absolut frisch und „sehr international“, wie der Preis-Stifter und Unternehmer Reinhold Würth treffend anmerkt. Mal ganz abgesehen von der Beatles-Nummer, dem Benny Goodman-Evergreen und der selbst komponierten Samba, die die vielseitig begabten jungen Männer vom Vision String Quartet mit Verve als Zugaben nachlegen.

Wie müde, ja desillusioniert hört sich dagegen der Laudator Tim Vogler an. Der seit 31 Jahren mit dem eigenen Quartett erfolgreiche Geiger ist kaum zu stoppen in seiner Jammerei über die Zumutungen, die das Leben an freiberufliche Musiker stellt – von lästigen PR-Terminen bis hin zur Geißel der sozialen Medien. „Ich hoffe, er hat die jungen Musiker nicht verschreckt“, kann sich Daniela Stork, die Präsidentin der Jeunesses Musicales Deutschland, anschließend nicht verkneifen. Gegen Panikmache aber scheinen die heißblütigen Jungs vom Vision String Quartet immun.

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