Kultur : Wunden und Wetten

Zur Eröffnung der neuen Akademie der Künste

Christina Tilmann

Den ersten Punkt macht Akademiepräsident Adolf Muschg in seiner Eröffnungsrede am Pariser Platz: „Ich begrüße den Regierenden Bürgermeister von Berlin – und Frau Bürgermeisterin.“ Geraune, Getuschel: Sollte er etwa doch, statt zum Fußball...? Und wer, bitte, ist die Frau Bürgermeisterin? Doch dann ist’s weder ein plötzlicher Sinnenwandel Klaus Wowereits noch besondere Weltfremdheit des Akademiepräsidenten. Der Abwesende wird von Muschg eben nur besonders herzlich begrüßt – „Ich hoffe, dass wir diesem Landesherrn irgendwann ein Spiel bieten können, in dem auch er sich wiedererkennt“ –, und Bürgermeisterin und Senatorin Karin Schubert vertritt Wowereit mit einem Grußwort.

Kleiner Flachs am Rande einer Veranstaltung, die ansonsten ganz den Ernst der Stunde atmet. Der Geist Max Liebermanns, Akademiepräsident von 1920 bis 1932, schwebte über den Gästen – und die Erinnerung daran, wie unrühmlich die Akademie ihn nach seinem Austritt 1933 hatte fallen lassen. „Nicht einmal einen Kranz hat man seinem Grab gewidmet“, erinnerte Ehrenpräsident Walter Jens mit „Demut, Scham und Trauer“, und auch György Konrád gedachte der legendären Akademiereden des einstigen Präsidenten – und verlas einen langen Brief, in dem Liebermann die gesunde Arroganz der Kunst beschwor. Die deutlichsten Worte jedoch fand der Kanzler, der das Schweigen der Akademiemitglieder angesichts der Ausbürgerung und Ausweisung von Künstlern als „große Wunde“ bezeichnete. Damals habe die Akademie ihre moralische Autorität verloren – und dass Akademiemitglieder immer den Mut zum Widerstand, zum Widerspruch und zu mitfühlender Solidarität aufbringen mögen, sei sein Wunsch für dieses neue Haus, sagte Gerhard Schröder. Es sei ein „Ort der Unruhe in Permanenz“ und die Verpflichtung der Kunst, sich einzumischen.

Wie lebendig, wie wach die Akademie sein kann, wird sich am neuen Platz erst recht erweisen müssen. „Ein Haus wie eine durchsichtige Wette“ nennt Architekt Günter Behnisch sein Werk. Und fügt hinzu: „Die Akademie nimmt die Wette gerne an.“

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