Kultur : Wunder aus Staub und Schlamm

Das Erdbeben im Iran hat auch Kulturschätze zerstört: Die Burg von Bam, eines der großartigsten Lehmbauwerke der Welt, liegt in Trümmern – ist aber nicht für immer verloren

Martin Gehlen

Es riecht nach feuchtem Lehm. Drei iranische Arbeiter knien auf dem Boden und lassen sich auch durch die vorbeikommenden Besucher nicht ablenken. Schnell und geschickt füllen sie die mit Strohhäkseln vermischte rotbraune Masse in quadratische Holzschalen. Dann drücken sie den Lehm in die Ecken und streichen ihn glatt – den Rest besorgt die sengende Wüstensonne. Die iranischen Männer stellen Lehmziegel her in der historischen Altstadt von Bam – bis zur Erdbebenkatastrophe am Freitag ein gewohntes Bild.

Zehntausende dieser handgemachten, flachen Lehmquader wurden jedes Jahr produziert, um Schäden auszubessern oder vom Regen ausgewaschene Lehmwände wiederherzustellen. Waren die neuen Ziegelmauern fertig, wurden sie anschließend mit Lehm verputzt – ebenfalls mit bloßen Händen. Mit einer Mischmaschine hergestellter Lehmschlamm sei nicht so gut zu verarbeiten, sagten die Handwerker. Man müsse den Lehm mit den eigenen Händen spüren, sonst werde die Arbeit nicht gut. Alltag in der jetzt traurig berühmt gewordenen Oasenstadt im Süden des Iran, die nur weiterexistieren konnte, weil sie ständig repariert und ausgebessert wurde.

Wer das nicht mehr bewohnte historische Areal durch das enge südliche Tor betrat, dem bot sich ein atemberaubender Anblick. Innerhalb der mit Lehmzinnen gekrönten Wehrmauern befand sich eine komplette Stadt mit breiten und schmalen Gassen, Wohnhäusern, Bädern, Moscheen, Stallungen, dem Basar, einer Windmühle, einer Koranschule sowie der mächtigen Zitadelle über allem. In manchen Häusern lagen noch zerbrochene Tonkrüge. Die Feuerstellen wirkten so, als seien sie noch bis vor kurzem in Gebrauch gewesen. Kein anderer Ort im Iran vermittelte ein so anschauliches Bild vom Leben einer mittelalterlichen Stadt.

Einst war Bam ein bedeutendes Textilzentrum. Die Stadt am Rande der Wüste profitierte vom Baumwollanbau und zog Händler aus dem ganzen Land an. In ihren besten Zeiten hatte sie bis zu 13 000 Einwohner. In der Neuzeit wurde die Festung mehrfach durch afghanische Heere zerstört und verlor an Bedeutung. Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich verließen die letzten Bewohner den historischen Bezirk und zogen in die Neustadt von Bam, die etwa einen Kilometer entfernt entstand. Vor der Erdbebenkatastrophe lebten hier etwa 100000 Menschen, die ihr Geld vorwiegend mit Landwirtschaft und Tourismus verdienten.

Bis 1932 wurden zwar manche Gebäude der Altstadt noch als Kasernen für die Armee benutzt. Aber 1953 begannen dann iranische Archäologen, Architekten und Historiker mit den Restaurierungsarbeiten, die auch nach der islamischen Revolution unter Ajatollah Khomeini weitergingen und bis zuletzt andauerten. Für den iranischen Tourismus war Bam eine der wichtigsten Attraktionen, auch wenn die braune Geisterstadt weit abseits der großen Fernstraßen liegt. Die meisten Besucher kamen für einen Tag aus der 200 Kilometer entfernten Kreisstadt Kerman.

Andere übernachteten in einer der bescheidenen Pensionen am Ort – darunter beispielsweise auch Gruppen iranischer Kunststudentinnen aus Shiraz oder Teheran, die zwei Tage lang an dem historischen Ort das Zeichnen von Perspektiven und Schatten übten. Iranische und internationale Filmemacher dagegen haben die imposante Lehmstadt immer wieder als Kulisse genutzt, unter anderem für die Verfilmung des Romans „Die Festung“ des italienischen Schriftstellers Dino Buzzati.

Vom Hauptturm der Zitadelle schließlich, dem höchsten Punkt der Altstadt, bot sich dem Besucher ein überwältigendes Bild, nicht nur der historischen Lehmstadt, auch der Neustadt von Bam sowie der ausgedehnten Dattelpalmenhaine, wo die bekannten schwarzen Datteln von Bam, die Mozafati, herkommen.

Der Weg zurück zum Ausgang führte dann durch ein Torgebäude, in dem es ein kleines Teehaus gab. Chefin hier war eine resolute Frau, die sich stolz als die einzige selbstständige Unternehmerin in ganz Bam bezeichnete. Den Kuchen buk sie selbst. Ihr Pistazieneis galt als das beste der ganzen Region. Zwei ihrer Brüder leben in Deutschland und haben mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie selbst jedoch, sagte sie, sei niemals auf die Idee gekommen, wegzugehen aus ihrer Heimatstadt.

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