Kultur : Wunder der Freiheit

Ein Europäer staunt über Amerikas Demokratie: zum 200. Geburtstag des Globalisierungspropheten Alexis de Tocqueville

Hans Pleschinski

1827 wurde der junge, verarmte Adlige Alexis de Tocqueville Hilfsrichter am Gericht von Versailles. Der 22-Jährige und sein Freund Gustave de Beaumont planten eine Reise in die USA, um eine Abhandlung über das amerikanische Gefängniswesen zu verfassen, die ihrer Karriere förderlich sein sollte. Noch nichts deutete auf die Entstehung von Tocquevilles epochalem Werk „Über die Demokratie in Amerika“ hin, mit dem er – als Soziologe avant la lettre – nicht nur eine geschliffene Analyse der jungen USA liefern sollte, sondern eine fundamentale Theorie des kommenden demokratischen Zeitalters. Und eine scharfsinnige Prophetie der Globalisierung dazu.

Die Zeitläufte und seine Herkunft hatten den Franzosen früh zu einem Zerrissenen gemacht. Tocqueville, geboren am 29. Juli 1805, wuchs mit einem Familientrauma auf. Sein Vater war mit 22 Jahren im Kerker der Jakobiner weißhaarig geworden. 1794 war das Elternpaar de Tocqueville wie durch ein Wunder, nämlich durch den Sturz Robespierres, nur um Stunden der Guillotine entronnen.

Um 1830, zur Zeit von Tocquevilles Amerikareise, waren die USA vielberauntes, aber unbekanntes Territorium. Eine Republik mit unermesslichem Hinterland. Damals bevölkerten 13 Millionen Menschen 25 Staaten, der erste Präsident aus dem Westen, Andrew Jackson, brach gerade die Vormacht der Ostküsten-Familien. Die nur 2000 Einwohner Washingtons, einer Regierungszentrale im Sumpfgebiet, erlebten regen Zustrom.

Die beiden Freunde landeten nach sorgfältiger Reiseplanung und einer stürmischen Überfahrt am 15. Mai 1831 in New York. Der mittlerweile 26-jährige Tocqueville besichtigt Gefängnisse. Er schlägt sich durch die Wildnis bei der Siedlung Detroit, erlebt Indianer und ertrinkt um ein Haar beim Schiffbruch auf dem Ohio. In nur einem Jahr notiert er sich fast 200 Gespräche und gerät zunehmend in den intellektuellen Sog eines Schlüsselbegriffs, der für ihn die Zukunft bestimmen wird: L’Égalité – die Gleichheit.

Zurück in Paris, in einer kleinen Mansarde, beginnt er sein Groß-Werk „Über die Demokratie in Amerika“. Der Autor charakterisiert es so: „Dieses Buch wurde im beständigen Bann eines einzigen Gedankens geschrieben: des unaufhaltsamen, allgemeinen Aufstiegs der Demokratie in der Welt. Wer es liest, wird auf jeder Seite eine feierliche Warnung finden, die die Menschen daran erinnert, dass die Gesellschaft ihre Gestalt, die Menschheit ihre Lebensweise verändert und dass neue Schicksale sich vorbereiten.“

Der kränkelnde Aristokrat schildert die Institutionen der USA und lässt dabei persönliche Erlebnisse mit Sklaven und Farmern einfließen. Mit ebenso glanzvoller wie bisweilen erschütternder Logik vermittelt Tocqueville Gedanken zu einer neuartigen Welt: „Geht man die Blätter unserer Geschichte durch, so trifft man auf kein einziges Ereignis, das sich nicht zum Vorteil der Gleichheit ausgewirkt hätte. Die Erfindung der Feuerwaffen macht Gemeine und Adlige auf dem Schlachtfeld gleich; der Buchdruck bietet ihrem Geist die gleichen Hilfsmittel; die Post trägt die Aufklärung zur Hütte des Armen wie an das Tor der Paläste; der Protestantismus lehrt, dass alle Menschen in gleicher Weise imstande sind, den Weg zum Himmel zu finden. Das sich entdeckende Amerika öffnet dem Glück tausend neue Wege.“ Dennoch lässt sich Tocqueville nicht von Begeisterung hinreißen: „Ich habe für die demokratischen Einrichtungen eine verstandesmäßige Neigung, von Instinkt aber bin ich Aristokrat, das heißt ich misstraue der Masse. Die erste meiner Leidenschaften aber ist die Freiheit.“

In den jungen USA wird Tocqueville, der erst 1830 und dann 1848 als Abgeordneter den Zusammenbruch zweier Monarchien in Frankreich erlebt, von einem pulsierenden Gemeinwesen überwältigt, in dem die Wähler und deren Bedürfnisse die Politik bestimmen, wo Selbstbestimmung und Eigenverantwortung größte Bedeutung haben. Das europäische Volk bestand aus Untertanen. In den USA trifft er auf Mitgestalter des öffentlichen Lebens. „Der Europäer sieht im öffentlichen Beamten häufig nur die Macht; der Amerikaner erblickt in ihm das Recht. So kann man sagen, dass in Amerika der Mensch nie dem Menschen, sondern der Gerechtigkeit oder dem Gesetz gehorcht.“

Gewöhnt an den Verlautbarungston königlicher Minister, hinter denen um 1840 allerdings keine geheiligte Macht mehr steht, bestaunt Tocqueville das Improvisationstalent sowie den unerlässlichen, nur von der Verfassung und den Menschenrechten gezügelten Durchsetzungswillen der amerikanischen Bürger. Wie weit er seine Betrachtung einer Gesellschaft der größtmöglichen Rechts- und Chancengleichheit unter den Menschen bis in unsere Zukunft vorantreibt, bleibt bis heute verblüffend. Der Mensch jeder Rasse, jeden Glaubens, jeder Lebensart ist nach Tocqueville vom Glauben an seine Gleichberechtigung nicht mehr abzubringen. Im Vergleich zu dieser Woge von Gleichheitsempfindung, die allein in der Demokratie verwirklicht werden kann, können Einzelherrschaften und Despotien sich nur noch flüchtig und befristet behaupten – mögen sie auch 70 Jahre währen wie in der Sowjetunion, oder zwölf wie in Deutschland.

Der finale Siegeszug der demokratischen Lebensform wird laut Tocqueville am Ende das hervorbringen, wofür wir – auch mit Sorge und Schrecken – den Begriff der Globalisierung gefunden haben: „In demokratischen Zeitaltern bewirkt die gesteigerte Beweglichkeit der Menschen und die Ungeduld ihrer Wünsche, dass sie unaufhörlich ihren Standort wechseln und dass die Bewohner der verschiedenen Länder sich vermischen, sich sehen, sich anhören und nachahmen. Nicht nur die Angehörigen eines gleichen Volkes werden sich also ähnlich; die Völker selber gleichen sich wechselseitig an, und alle zusammen bilden für das Auge des Betrachters nur mehr eine umfassende Demokratie, in der jeder Bürger ein Volk ist.“

Jedes Wort zur Durchsetzung der Menschenrechte in allen Erdteilen, zu modernen Weltorganisationen, der Vernetzung von Kulturen und Märkten, zu Wirtschaftsstrategien von global players in dieser Passage der Tocqueville’schen Soziologie liest sich wie auf heute gemünzt. Auch Klassenkämpfe und Religionsstreitigkeiten spart er nicht aus und deutet sie als Zwischenphase vor der endgültigen Angleichung der Staaten und Menschen.

Alexis de Tocqueville ist Prophet und zugleich Diagnostiker der „Massengesellschaft“. Er denkt darüber nach, wie sich in ihr etwas Unverwechselbares bewahren ließe, nämlich der Individualismus und die Würde des Einzelnen. Es sind die finsteren Kapitel seines Werks, in denen der Mann, der sich zur Freiheitlichkeit bekennt, deren Risiken vorzeichnet. Sie heißen: Vermassung und Gleichförmigkeit, tyrannische Herrschaft der Mehrheit und damit die tyrannische Herrschaft der „Öffentlichen Meinung“. Eine Gefahr für eine Gesellschaft in Freiheit und Gleichheit ist zudem die Gewinnsucht: Habgier als das einzige Mittel, um sich durch flüchtigen Besitz noch vom Mitbürger zu unterscheiden. Auch die Medien nimmt er aufs Korn: das „Sensationelle“ werde in einer Massengesellschaft wichtig, um „die Gemüter zu beleben“.

Die dunkelste Vision der kulturellen und politischen Zukunft des Menschen hielt der Privatforscher am Schluss seines in Frankreich, England und Amerika – weniger in Deutschland – sogleich viel beachteten Werks fest. Diese Prophetie wollte der Skeptiker, der als aktiver Politiker wenig Charisma besaß, vielleicht nicht als sein Credo, aber als Warnung an das künftige demokratische Individuum verstanden wissen: „Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller fremd gegenüber. Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, die Genüsse zu sichern und das Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild.“ Der Gebrauch des freien Willens werde auf diese Weise von Tag zu Tag seltener, schreibt Tocqueville. „Der selbstgewählte Souverän (...) tyrannisiert nicht, er hemmt, er drückt nieder, er zermürbt, er löscht aus, er stumpft ab, und schließlich bringt er jedes Volk soweit herunter, dass es nur noch eine Herde ängstlicher und arbeitsamer Tiere bildet, deren Hirte die Regierung ist.“

Tocqueville starb 1859 im Alter von 54 Jahren in Cannes an einer Lungenkrankheit, die sich durch den Schiffbruch auf dem Ohio-River verschlimmert hatte. Bis zu seinem Tod arbeitete er an seinem zweiten großen Werk „L’Ancien Régime et la Révolution“. Als kurzzeitig amtierender Außenminister Frankreichs hatte er 1849 den Großherzog von Baden dahin gedrängt, von Willkür und von der Erschießung deutscher Revolutionäre abzulassen. Als Alexis de Tocqueville in dieser Zeit das Schloss seiner Ahnen in der Normandie bezog und die leeren, verlassenen Säle sah, bekannte der Visionär: „An diesem Orte, in dieser Stunde begriff ich die ganze Bitternis der Revolution.“

Hans Pleschinski lebt als Schriftsteller in München. Zuletzt erschien sein Roman „Leichtes Licht“ (C.H. Beck Verlag, München 2005).

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