Kultur : Wunder der Vergänglichkeit

Uraufführung in Paris: Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil spielt „Les Éphémères“

Eberhard Spreng

Ein Haus soll verkauft werden. Das Schild hängt schon am schmiedeeisernen Gitter des Vorgartens, und im Haus sortiert eine Frau den Nachlass ihrer verstorbenen Mutter. Schon klingelt es, und ein Mann im dunklen Anzug und einem schwarzen Sturzhelm in der Hand betritt das Haus und den verwunschenen Garten und entscheidet sich spontan zum Kauf. Wo früher einmal eine Frau in ihrem kleinen Paradies am Rand des Molochs Paris mit den Blumen sprach, soll jetzt die junge Familie eines smarten Geschäftmanns einziehen, einer von denen, die mit ihren schicken großen Motorrollern durch die Stadt jagen, von Termin zu Termin.

Die Menschen sind vergänglich, ephemere Wesen und müssen ihre Räume, ihre Häuser, Küchen, Bauernhöfe und Schlafzimmer manchmal schon vor ihrem Tod anderen überlassen. Es sind diese Momente des Vergehens, die Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil in der Cartoucherie von Vincennes in ihrem neuen, auf Ensembleimprovisation beruhenden Stück „Les Éphémerères“ interessieren. Warum ein notorisch cholerischer Mann seine Frau nicht mehr sehen darf, warum sich die Tochter eines alleinerziehenden Vaters bei der Nachbarin wohler fühlt, wie die Geschwister des Lieblingssohns einer reichen Dame die Nachricht von dessen Unfall verheimlichen, worin die Magie der kleinen Momente besteht, die ein Leben verändern können – und was einen dazu bringt, zum Mörder zu werden.

In einer der gewalttätigsten der 29 Szenen, die sich in zwei Teilen über knapp sieben Stunden erstrecken, hämmert ein von seinen Eltern verstoßener junger Mann wie wild auf deren Wohnungstür ein, will hereingelassen werden, will Geld für einen Schuss, will Liebe oder beides. In einer anderen Szene liegt eine leblose, blutüberströmte Frau auf der Straße, umringt von Notfallärzten, die ein verzweifelter Mann zu immer neuen aussichtslosen Wiederbelebungen antreibt. Man kennt ihn von einer vorangegangenen Szene: Er ist gewalttätig, nicht Herr seiner Affekte. Wenn die Lebensmomente zwischen purer Zuneigung und Verrat, zwischen Zärtlichkeit und Hass gefährlich werden, dann sind Männer im Spiel, Unbehauste, Tiere der Straße.

Das zumindest versteht man, wenn man nach sieben Stunden die Geschichtchen zu einem Puzzle zusammenzusetzen versucht. Mit einem im Theater selten gewordenen Zauber ziehen einen diese nicht zu Ende erzählten Geschichten in ihren Bann. Sie tragen sich zu im Frankreich unserer Tage oder in einer jüngeren Vergangenheit bis hin zur Okkupationszeit.

So vergänglich die Sterblichen sind, so veränderbar sind auch die Räume, in denen sie auftreten. Ariane Mnouchkine hat eine bereits in ihrer letzten Produktion „Le Dernier Caravansérail“ getestete Bühnentechnik weiterentwickelt: Auf kleinen runden oder eckigen Podesten rollen Wohnzimmer, Küchen oder eine Arztpraxis herein und drehen langsam ihre Kreise vor dem Publikum. Manchmal ist es eine veritable Zimmerflucht, die bei komplexeren Episoden in drei Einzelsegmente zerlegt zu einer Karussellsuite werden. Das Auge des Zuschauers wird so zur Kamera, die in einer fließenden Bewegung die Perspektive wechselt und nur umso mehr fokussiert bleibt auf die Gesichter.

„Innen, Tag“ könnte über fast jeder Szene stehen – und fast jede ist eine Halbtotale. Zugleich blickt man auf dieses intime Theater von den neu errichteten steil ansteigenden Arenarängen wie Studenten in einem Anatomiehörsaal: Obduziert werden menschliche Regungen, Mutterliebe, Neugier, Eifersucht, Selbsttäuschung, Hass. Wie kommt es, dass Menschen zugleich Untergang und Rettung in sich tragen, fragt sich Mnouchkine in den Notizen zur Aufführung: Wesen, die die Lebensgrundlage ihrer Kinder verfrühstücken, und Retter, die ihnen gute Bücher zu lesen geben? Gegenstand der Erkundung sind diesmal nicht die globale Welt und ihre Flüchtlingsströme, sondern die eigene Katastrophe, das Nahe, das Französische.

Im Heimischen entdeckt die Regisseurin den Charme des Unheroischen, die Zwischentöne, die Kraft der kleinen Leute und ihrer schönen Gefühle. Es geht um die Familie als möglichem Ort der Heilung. Und plötzlich wird dieses Theater zu einer Oase der Behutsamkeit in einer verrohten Wirklichkeit. Eine Umarmung, eine flüchtige Berührung, ein Lachen, alles kann verzaubern. Mit den Improvisationen des Mnouchkine-Ensembles kommt so etwas wie eine emotionale Grundsehnsucht auf die Bühne – Herzenstheater, Großfamiliennestwärme.

Die ist es wohl auch, die nach sieben Stunden für begeisterten Applaus sorgt. Ariane Mnouchkine erlebt und erzeugt ein kleines Wunder. Nach all den Jahren weht mit diesem Blick auf das eigene Land wieder einer Hauch von „1789“, ihrem ersten großen Erfolg, durch das Théâtre du Soleil. Mit einem entscheidenden Unterschied. Damals war 1970, und die Menschen wehrten sich gemeinsam gegen das Bestehende; heute versuchen die meisten nur noch privat, Mensch zu bleiben.

Als ahnte sie, dass all das vielleicht zu schön ist, um wahr zu sein, hat Mnouchkine ihren Ausflug in die Innerlichkeit mit milden Kitschsignalen unterfüttert. Eine nicht endende Musikeinspielung erinnert unentwegt an Vorabendserien und lässt ahnen, dass im schönen immer auch das falsche Gefühl lauert. Jean-Jacques Lemêtre übernimmt mit seinem bunten Instrumentarium die Untermalung dramatischer Passagen, wie einst bei den großen Tragödien. Aber im Spannungsfeld filmischer und theatralischer Einflüsse obsiegt das Fernseh-Theater, eine Hybridform für die Innenräume der Seele.

Etwas Politik muss sein: Wann immer im Mnouchkine-Theater das Familienidyll gestört wird, das holde Band zwischen Eltern und Kindern, dann sind die Väter und Männer die Usurpatoren. Als Agamemnon in der berühmten Atriden-Tetralogie nach Euripides und Aischylos, als Tartüff in der erfolgreichen Molière-Aktualisierung, als profitgieriger Arzt in dem BlutkonservenskandalStück „La Ville parjure“, als Taliban in den Weltkatastrophenerkundungen der letzten Jahre. Das ist hier nicht anders. Aber diesmal wird der smarte Geschäftemacher und Hauskäufer selbst Opfer seines falschen Lebens und erleidet in einem kleinen Café eine Herzattacke.

Einst hat die Rückkehr zu den griechischen Tragödien Ariane Mnouchkine geholfen, zu den Ursprüngen des Theaters zurückzufinden. Nun hilft ihr das Melodram, um die Gegenwart der Menschen im alten Frankreich in den Griff zu bekommen.

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