Kultur : Wunder Diogenes

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Helmut Böttiger feiert das 50-jährige

Bestehen eines fulminanten Verlags

Immer, wenn in diesen Tagen der Niedergang der Buchkultur beklagt wird und das Leseverhalten bilanziert, fällt irgendwann der des „Diogenes"-Verlags. Und das Rätselraten wird umso größer. Was hat dieser Züricher Verlag, was die anderen nicht haben? Er steht fast erschreckend gut da, und wenn es um Bestseller geht, die nicht ohne literarischen Anspruch daherkommen wollen, hört man immer sofort Namen wie Patrick Süßkinds „Parfüm" oder Bernhard Schlinks „Vorleser". Diogenes ist Europas größter rein belletristischer Verlag, und er kann auch ohne weiteres voluminöse Ausgaben der Werke von Anton Cechov, William Faulkner oder Alfred Andersch machen. Aber nie ist von einer Krise die Rede.

Zürich ist nicht gerade ein Ort, den man gleich mit überschäumendem Humor assoziiert. Aber zum Geheimnis dieses Verlags gehört sicherlich, dass der Verlagssitz ausgerechnet Zürich heißt:In Verleger Daniel Keel liegt eine eigenartige Mischung aus einer spezifisch Schweizer Souveränität und lebenskluger Verschmitztheit vor; die bedächtig gesetzten Worte, der bewährte Instinkt für wirtschaftliche Erfolge, das geht mit einer unbedingten Vorliebe für das Leichte und Unterhaltende einher, und auch für die Erscheinungsformen des angenehmen Lebens. „Jede Art zu schreiben ist erlaubt", so hieß schon früh das Verlagsmotto, „nur die langweilige nicht!" Und zur spezifischen Diogenes-Atmosphäre gehören sicherlich der Geschmack und die Farbe des Bordeaux: nicht nur, dass Balzacs Gesammelte Werke in Original-Bordeaux-Holzkisten auf den Markt gebracht wurden, nicht nur, dass zu Weihnachten die Geschäftspartner zuverlässig mit ein paar Flaschen Bordeaux beehrt werden - man sieht den Verleger gern, wie er das Glas in der Hand hält und eine unabweisbare Verbindung zu den Bordeaux-Phantasien Friedrich Dürrenmatts schlägt, einem der wichtigsten Hausautoren, und man kann sich lebhaft vorstellen, in welche Farbe die Abschlüsse und entscheidenden Autorengespräche in der Züricher „Kronenhalle" getaucht sind.

Das sah 1952, als Keel ein Zimmer mietete und mit geborgtem Geld einen Cartoon-Band von Ronald Searle druckte, noch anders aus. „Ich wollte einfach nicht mehr jeden Tag um 8 Uhr in die Buchhandlung gehen und tun, was andere Leute sagen": Das ist seine Begründung dafür, warum er einen Verlag machen wollte. Sie leuchtet in jeder Lebensphase ein. Bald kam auch der völlig unbekannte deutsche Zeichner Vicco von Bülow dazu, der sich dann „Loriot" nannte, und man hätte wirklich gern ein Video davon, wie in den frühen fünfziger Jahren der junge von Bülow den noch jüngeren Keel in seinem Züricher Mietzimmer aufsuchte. Vielleicht würde man da einen Zipfel davon erhaschen, was den Diogenes Verlag ausmacht.

„Für mich ist Humor eine Lebenshaltung. Das geht fast ins Religiöse", sagt Daniel Keel. Dass sich das mit einem mittlerweile legendären Geschäftssinn paaren kann, muss kein Widerspruch sein. Die besondere Qualität des Buchhandel-Marketings, die sofort als Markenzeichen erkennbare Umschlaggestaltung fielen schon früh auf, und zusammen mit einer Vorliebe für angelsächsische Autoren, die eine packende Geschichte erzählen wollen, ergibt sich das Fundament des Erfolgs. Vielleicht tut es sogar der Berliner Akademie der Künste gut, wenn Diogenes heute Abend dort sein fünfzigjähriges Bestehen feiert - wenn sie es schafft, ein bisschen vom Diogenes-Geist aufzuschnappen und beizubehalten, wäre es in Berlin noch ein bisschen lockerer...

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