Kultur : Wunderkind

Frank Stella eröffnet die Berliner Lektionen 2004

Ulrich Clewing

Er ist einer der ganz Großen der US-amerikanischen Kunst: Frank Stella. Maler, Bildhauer, Pferdezüchter, Hobby-Rennfahrer, 1936 in Malden/Massachusetts geboren und seit fast einem halben Jahrhundert in New York ansässig. Gestern Vormittag eröffnete er eine neue Saison der Berliner Lektionen – jener Vortragsreihe der Berliner Festspiele, die traditionell im Charlottenburger Renaissance- Theater stattfindet und sich seit ihrer Gründung vor inzwischen siebzehn Jahren nach wie vor einer ungebrochenen Beliebtheit erfreut.

Und so war das Auditorium fast bis auf den letzten Platz besetzt, als Stella und sein Gesprächspartner Franz-Joachim Verspohl – Professor für Kunstgeschichte in Jena und Herausgeber von Stellas theoretischen Schriften – damit begannen, in einer angenehm-lockeren Plauderei 45 Jahre Kunstschaffen Revue passieren zu lassen. 45 Jahre in 45 Minuten: Das ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Dennoch gelang es den beiden höchst eindrucksvoll, die großen Entwicklungslinien in Stellas Werk bündig nachzuzeichnen.

In Berlin waren Arbeiten von Frank Stella zuletzt in der MoMA-Ausstellung zu sehen, doch die wenigsten dürften sich daran erinnern, dass der Arztsohn aus Malden, der als Teenager von einem Schüler von Lyonel Feininger in die Kunst geführt wurde und später in Princeton studierte, die Kunstszene in Wunderkind- Manier betrat. Stella war gerade einmal 23 Jahre alt, als er 1959 mit vier seiner radikal-minimalistischen „scharzen Gemälde“ an der berühmt gewordenen Ausstellung „Sixteen Americans“ im MoMA in New York teilnahm. Auf die Form der geometrisch von einem Zentrum nach außen verlaufenden Bahnen schwarzer Farbe, welche diese Bilder dominiert, war der Maler dadurch gekommen, dass er, so verriet er gestern, ein Hakenkreuz in seine Einzelteile zerlegte und anschließend neu zusammensetzte.

Anfang der Sechzigerjahre wandte Stella sich dann seinen ebenfalls weithin bekannten „Shaped Canvases“ zu: Gemälden, die durch die Auflösung des Rechtecks der Leinwand die Grenzen von Malerei und Skulptur verwischen – eine Erfindung, die der Künstler angeblich dem Zufall verdankte. Über Stellas Frühzeit hätte man gerne noch etwas mehr erfahren, doch fehlte ihm gestern dafür die Zeit und vielleicht auch die Geduld – kein Wunder bei jemandem, für den Wiederholungen und Stillstand „die größten Feinde der Kunst“ darstellen.

In den letzten zwei Jahrzehnten konzentrierte sich Stella auf immer kompliziertere Mischformen zwischen Gemälden und dreidimensionalen Werken, wobei er sich auch hier sympathisch pragmatisch zeigte. So enthüllte er, was seinen sphärisch wirkenden großen Plastiken tatsächlich zugrunde liegt: Es ist Zigarettenrauch, von sechs Kameras gleichzeitig gefilmt. Nicht nur für dieses Geständnis gab es am Ende vom Publikum heftigen Applaus.

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