Kultur : Wunschhaus des Glücks

Geduldet, geachtet, verfolgt: Das Deutsche Historische Museum Berlin zeigt die Schätze von „Europas Juden im Mittelalter“

Michael Zajonz

Nur wenige Zentimeter genügen für das Abbild von Gottes Haus auf Erden. Den kurz nach 1300 entstandenen jüdischen Hochzeitsring schmückt nach altem Brauch ein Miniaturmodell des von den Römern zerstörten zweiten Tempels von Jerusalem. Hier wird er zur hocheleganten gotischen Architektur mit Maßwerkgiebeln, Ecktürmchen und spitzem Dach. Das goldene Kleinod wurde von Archäologen 1998 zusammen mit 23,5 Kilo Silber in Münzen, Barren, Geschirr und Schmuck unter einer Kellertreppe im ehemaligen Judenviertel von Erfurt entdeckt. Ein reicher jüdischer Kaufmann muss den Schatz vergraben haben. „Masal tov“, viel Glück, ist als Wunschformel auf dem Ring eingraviert. Nach dem Pestpogrom von 1349 existierte die 1000-köpfige jüdische Gemeinde von Erfurt faktisch nicht mehr.

Der Hochzeitsring gehört als Teil des „Erfurter Schatzfundes“ zu den herausragenden Stücken der Ausstellung „Europas Juden im Mittelalter“, die ab heute im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen ist. In ihm bündeln sich Heilserwartung, Alltagsfreude und Bedrohung der jüdischen Kultur wie in einem Brennglas. Die Geschichte des europäischen Judentums lässt sich nicht auf die Opferrolle beschränken. Aber sie ist, zumal in Deutschland, von Verfolgung und Vertreibung überschattet. Dabei lebten im frühen und hohen Mittelalter europäische Juden geduldet und geachtet mit ihren christlichen und muslimischen Nachbarn zusammen, ehe mit dem Ersten Kreuzzug 1096 auch eine erste Pogromwelle einsetzte. Ein Jahrhundert-Gelehrter wie der 1135 in Cordoba geborene Arzt und Religionsphilosoph Moses Maimonides blieb zwar lebenslang auf der Flucht – und wurde doch von Herrschern wie Sultan Saladin und König Richard Löwenherz umworben. Der im Wortsinn ausgegrenzte Ghetto-Jude ist eine Erfindung der frühen Neuzeit.

Ein Zentrum des aschkenasischen Judentums im Mittelalter lag am Oberrhein, in den Bischofsstädten Speyer, Worms und Mainz, die in salischer Zeit imperiale Domneubauten erhielten. Unter dem Schutz des Episkopats blühten auch die jüdischen Gemeinden, die im 10. Jahrhundert durch Kaufleute aus Italien neu begründet worden waren. Das Historische Museum der Pfalz in Speyer nahm im vergangenen Jahr das 900. Weihejubiläum der Speyrer Synagoge zum Anlass, die Kulturgeschichte europäischer Juden im Mittelalter erstmals darzustellen. In den Blick geraten dabei ein Zeitraum von über tausend Jahren – die 300 ausgestellten Stücke datieren zwischen dem 4. und dem 16. Jahrhundert – und die Traditionskreise der Sephardim im Mittelmeerraum und auf der Iberischen Halbinsel sowie der Aschkenasim im Heiligen Römischen Reich und in Böhmen. 87000 Besucher sahen die mit Handschriften, Kultgegenständen und Alltagsdingen lockende Ausstellung in Speyer.

Für die Berliner Station wurde eine weitere spektakuläre Leihgabe hinzugewonnen: Die sephardische Tora-Rolle des 13. Jahrhunderts ist nach mittelalterlicher Überlieferung im badischen Krautheim bei einem Hochwasser angespült worden. Privatleute retteten sie vor dem Zugriff der Nazis und versteckten sie in einem Krankenhaus, wo die Thora-Rolle nur knapp den Flammen entging. Heute befindet sie sich in Jerusalemer Museumsbesitz. In Erfurt wurde übrigens fast zeitgleich mit dem Schatzfund die einzige in Deutschland komplett erhaltene mittelalterliche Synagoge wiederentdeckt. Aus Geldmangel stockt ihre Renovierung seit Jahren.

Pei-Bau des DHM, bis 28.8., täglich 10-18 Uhr. Katalog (Hatje Cantz) 19,90 €.

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