Kultur : Wunschkind

Verkehrte Welt. Während ihrer Schwangerschaft hat Sharon Duchesneau einen Satz gesagt, der seltsam klang, aber nicht anstößig: "Ein Kind, das hören kann, wäre ein Segen." Doch dann fügte sie einen zweiten Satz hinzu: "Ein gehörloses Kind wäre ein spezieller Segen." Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Im November 2001 wurde Gauvin geboren. Der Junge ist, wie seine fünfjährige Schwester Jehanne, nahezu vollständig taub. Die Taubheit der Kinder hat allerdings nichts mit Schicksal zu tun, sondern ist das Ergebnis planvollen Handelns. Jehanne und Gauvin sollten taub sein. Ihre Eltern wollten das so. Eine größere Freude als das Ausbleiben jeglicher Reaktion bei dem ärztlichen Gehörtest hätten die Kinder ihnen nicht bereiten können.

Wer will absichtlich eine Behinderung vererben? Die Eltern von Jehanne und Gauvin, zwei lesbische Frauen aus Washington, sind ebenfalls taub. Darauf sind sie stolz. Ihr Anderssein verstehen sie nicht als Behinderung, deren Folgen es zu mildern gilt. Ihre Taubheit verleiht ihnen eine eigene kulturelle Identität. Der "sound of silence" macht sie glücklich. In die Welt der Töne, Klänge, Melodien und Geräusche wollen sie sich bewusst nicht integrieren. Mit dieser Einstellung zählen sie zu einer Minderheit innerhalb einer Minderheit. Etwa zehn Prozent aller Amerikaner haben schwere Gehörschäden, 0,1 Prozent davon bilden die so genannte Deaf-Gemeinschaft. Das sind jene Gehörlose, die ihr Schicksal als positive Besonderheit empfinden. Und diese Besonderheit wollen einige von ihnen weiter vererben. Außerdem glauben sie, ihren Kindern dadurch bessere Eltern sein zu können.

Der Fall verwirrt. Er aktiviert Ängste, die auch mit der Bioethik, Eugenik, Reproduktionsmedizin und dem Klonen verbunden sind. Von den "ersten tauben Designerkindern" ist die Rede. Doch all diese Analogien sind falsch. Weder wurde ein Embryo künstlich hergestellt, noch sind Gene manipuliert worden. Der Samenspender war ein Freund des Paares, der in der fünften Generation gehörlos ist. Für die Befruchtung haben die beiden Frauen nicht einmal die Hilfe eines Arztes benötigt. Theoretisch hätten Gauvin und Jehanne auch vor hundert Jahren auf diese ganz spezielle Weise gezeugt werden können. Wer ihr Schicksal benutzt, um die moderne Medizin zu verdammen, liegt daneben. Hier ist das Gegenteil des perfekten Menschen geschaffen worden.

Was aber ist dann so verwirrend? Dass Eltern versuchen, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, ist nicht ungewöhnlich. Sie schlucken Vitamine, spielen dem Fötus Mozartmusik vor, suchen sich mitunter gezielt ihre Partner nach dem Kriterium der Fortpflanzungstauglichkeit aus oder üben sich in Techniken, die das Geschlecht des Kindes vorbestimmen könnten. Gott ein bisschen ins Handwerk zu pfuschen, ist fast schon die Regel geworden. Der Unterschied zwischen anderen Eltern und Sharon Duchesneau und Candace McCullough besteht also nicht in der Frage des Mittels, sondern des Ziels. Alle anderen Eltern wollen Kinder, die hören können, Jehanne und Gauvin sollten taub sein.

Was spricht dagegen? Für den, der hören kann, ist Taubheit ein Makel. Für die Angehörigen der Deaf-Gemeinschaft ist es das nicht. Wenn Gauvin blind gewesen wäre, hätten seine Eltern einen Arzt gebeten, die Krankheit zu heilen. Sie verstehen auch, warum hörende Eltern hörende Kinder haben wollen. Werden es Jehanne und Gauvin im Leben schwerer haben als andere Menschen? Vielleicht. Aber was folgt daraus? "Frauen und Schwarze werden diskriminiert", sagt Candace McCullough, die beide Kinder adoptiert hat, "sollen deswegen keine Frauen und Schwarze mehr geboren werden?"

Verkehrte Welt. Dieses Gefühl bleibt. Mehr Sinne sind besser als wenige. Erlebnisfähigkeiten absichtlich zu reduzieren, kann nicht gut sein. Überdies warten viele taube Kinder darauf, adoptiert zu werden. Ein Weiteres zu zeugen, nur damit ein Teil der eigenen Gene vererbt werden kann, ist egoistisch. Soll man den Egoismus dieser Eltern verdammen? Ja, aber weder laut noch selbstgefällig. Und jedenfalls nicht mehr als den Egoismus aller anderen Eltern.

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