Kultur : Wunschkonzert der Überflüssigen

Zur Eröffnung der Berliner „spielzeiteuropa“ trifft Christoph Marthalers „Schutz vor der Zukunft“ ins Herz der Gegenwart

Peter von Becker

In der dritten Stunde dieses großen, wunderlichen Abends setzt sich ein unscheinbarer Mann im mittleren Angestelltenanzug an den von Eisenketten umzäunten Flügel am Rand eines ausgeräumten Saals und zieht sich eine Clownsmaske über den Kopf. Dann spielt er, lange allein, die wehmutsvoll dunkle Fuge von Dmitri Schostakowitsch, die Musik einer sehr späten Romantik im Schatten einst von Stalin, Hitler und ihren Jahrhundertschrecken. Über den wehenden Tönen und der grotesken Clownsfratze erhebt sich die Halle mit von außen zugenagelten Fenstern und allerlei klassizistischem Stuck oder jugendstiligem Zierrat, an den Wänden auch ein paar russische Fresken: stilisierte Athleten, Fackeln, olympische Feuer. Wo sind wir hier bloß gelandet?

Plötzlich treten die Mitspieler ein, zehn Dicke und Dürre, Schiefe und Krumme, Aufschneider und Untergeher, also das typische Marthaler-Ensemble. Jedoch sind sie alle alte Kinder, haben keine Clownsgesichter, tragen nur kleine Menschenmasken. Stumm gleiten, taumeln sie wie Eistänzer auf dem Trockenen, fallen, zittern, zeigen auf sich: Warum ich? Warum wir? Und am Steinway spielt noch immer der rotnäsige Clown, hinter dem sich Markus Hinterhäuser, der Konzertchef der Salzburger Festspiele, verbirgt, und die Sopranistin Rosemary Hardy singt nun ein wirklich romantisches Totenlied.

Abschied und Ankunft. Eine Vergangenheitsverzauberung in die Gegenwart, die „Schutz vor der Zukunft heißt“. So wird in einem von Brandenburgs dschungelartigen Wäldern schon fast zurückeroberten hundertjährigen Spital inmitten der Heilstätten Beelitz südlich der Hauptstadt das Festival „spielzeiteuropa 2006“ eröffnet. Die Berliner Festspiele haben als Koproduzent mit den Wiener Festwochen und einigen anderen europäischen Festivals das von Christoph Marthaler inszenierte, von Stefanie Carp und Markus Hinterhäuser konzipierte „theatralisch- musikalische Projekt“ zum genau richtigen Zeitpunkt eingeladen. Vor einem Jahr im Jugendstiltheater auf dem Gelände der berühmten Wiener Nervenheilanstalt Am Steinhof uraufgeführt, war „Schutz vor der Zukunft“ eigentlich schon fürs diesjährige Berliner Theatertreffen nominiert worden. Doch eben jetzt trifft diese außerordentliche Zeit- und Weltreise des Theaters auch ins deutsche Heute. Wir sind dort gelandet, wo über die Verlorenen der Gesellschaft geredet wird.

In Wien noch traf der Schweizer Theatererfinder Christoph Marthaler auf das österreichische Schweigen über die großdeutsche Vergangenheit. Bevor es ins Jugendstiltheater Otto Wagners ging, fuhr das Publikum in einer Kindereisenbahn im Klinik-Park vorbei an Häusern, wo einige nach 1945 zu universitären Würden gelangte Mediziner an behinderten oder sozial deklassierten Kindern Euthanasie-Aktionen mit genetischer Forschung verbanden. In Beelitz scheint diese Vergangenheit im ersten Moment entrückter zu sein. Und doch wirkt der Ort viel spukhafter, geschichtsnäher.

Erst Lungenheilstätte für die aus dem Proletariat emporgeschufteten Arbeiter, dann Militärlazarett und Karl Brandt unterstellt, einem von Hitlers Chef-Ärzten und Dirigent der den Holocaust mit vorbereitenden „Euthanasie“-Aktionen. Ab 1945 wurden die etwa 30 Backsteinbauten im Beelitzer Wald zum größten russischen Militärhospital außerhalb der Sowjetunion; hier logierte Erich Honnecker 1991 vor seinem Abflug nach Moskau, erst 1994 zog die Rote Armee ab, jetzt verwildert der größte Teil des Areals, dient nurmehr als Filmkulisse wie bei Polanskis „Pianist“. Bis Marthaler kam.

Verwunschen steht ein monumentaler Rotarmist mit der steinernen Panzerfaust im wuchernden Gebüsch; aufgeplatzte Fenster, im Gebäudeinneren kalte Muffigkeit und der abblätternde Lack an Wänden und Decken ein riesiges schimmelgrünes Gekröse. Korridore und Zimmer mit demontierten Installationen aber scheinen nun zu geisterhaftem Leben erwacht: Man hört als Vorspiel aus winzigen Hörmuscheln die Sterbeprotokolle amtlich vergifteter oder totgespritzter Kinder, sieht dort ein zerfallenes Eisenbett gleich einer rostigen Echse, liest dort in einem Wandkasten in originaler Sütterlinschrift, dass ein Erbkranker die Volksgemeinschaft im Jahr 50 000 Reichsmark kostet, ähnlich dem „Asozialen“. Also weg mit beiden.

Schon das liest sich als sonderbar aktuelles Menetekel. Hierauf werden wir in jenen Saal geführt, der, halb Kirchenschiff, halb Tanzboden, zuletzt als Sporthalle der genesenden Sowjetsoldaten diente. Man sitzt an plasteweiß gedeckten Tischen, vor sich Reste von Konfetti, alte Thermoskannen, benutzte Kaffeetassen mit braunem Satz. Jetzt geht’s los.

Während Teile des Marthaler-Ensembles in dessen typisch verschossenen, beschissenen, zu engen oder zu kurzen Retroanzügen und Funduskleidchen noch am Flügel dämmern, versuchen sich erste Kräfte bereits mit letzter Anstrengung an einem Rednerpult. Kämpfe mit dem Mikrofon, der Trichter einer Basstuba verschluckt den Kopf einer Saaltochter – das Komische aber rutscht ins Grausige. Redner informieren ebenso sachlich wie mitunter sprunghaft zerstreut über Tötungsstatistiken („9772 Personen desinfiziert“), Tourismuszahlen, Tsunami-Spenden und die Erfordernisse einer modernen medizinischen Sozialtechnologie.

Nie fällt dabei das Wort „Gesundheitsreform“. Nie der Begriff „Unterschicht“. Nie (oder: fast nie) will Marthaler nur etwas kabarettistisch-aktualistisch demonstrieren. Sein Kunststück ist der beiläufige, unterschwellige Hintersinn. Eine Gesellschaft, deren Sozialsysteme überlastet und deren Verteilungsspielräume kleiner geworden seien, brauche neue Formen „der Selektion“. Soziale „Ballastexistenzen“ haben zum „Schutz vor der Zukunft“ keine gegenwärtige Berechtigung mehr, eine „neue biotechnische Generation“ fordert ihr Recht. Wenn der massige Schauspieler Josef Ostendorf dies mit pastoral sanftem Ernst verkündet, könnte das auch dem scharfsinnigen Sarkasmus eines Heiner Müller entsprungen sein.

Das Unheimliche des NS-Systems war ja nicht nur sein Rassenwahn. Es war auch seine skrupellos technokratische Modernität. Rationalisierung auf Kosten von Menschen, das heißt in Unternehmen wieder: Selektion. Diese Botschaft ist Marthalers Menetekel. Das andere wird ein großes Requiem. Ein Wunschkonzert zum letzten Ausflug (sämtliche Vorstellungen sind bereits ausverkauft). Das Ensemble spricht und singt dabei manchmal wie eine süditalienische banda nur durch Blech, mit Seufzerlauten und Trompeten. Jürg Kienberger spielt auf Weingläsern göttlich schön Glasharfe. Und der fabelhafte Jeroen Willems erzählt halb im Theatervorhang verstrickt mit nur winzigen Nuancierungen von Stimme und Augen, wie es ist, ein malträtierter Junge in der Anstalt oder ein angeblich argloser mörderischer Arzt zu sein.Ein Opfertäter. Dann fällt der Vorhang für die Kindertotenlieder. Und: Schweigen. Jubel.

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