Kultur : Wunschzettel

Norbert Lammert über Kultur und Staat

Christina Tilmann

Wer trägt die Verantwortung für die Kultur? Die Jugend jedenfalls nicht, denkt man sich angesichts der ersten GuardiniLecture im Senatssaal der Humboldt-Universität: In den gut gefüllten Reihen fast durchweg ältere Semester, Studenten kann man an einer Hand abzählen. Dafür trägt der zweitwichtigste Mann im Parlament, der Präsident des Deutschen Bundestags, die Kultur offenbar nah am Herzen: Norbert Lammert, vor einem Jahr noch Wunschkandidat für das Amt des Kulturstaatsministers, plädiert leidenschaftlich dafür, dass Kultur keine „liebenswürdige Nebensache“ oder ein „Feierabendprogramm“ sei, sondern Fundament unserer Gesellschaft. Und moniert sogleich einige besorgniserregende Entwicklungen: mangelnde Schulbildung, vor allem im musischen und künstlerischen Bereich – und eine Elternschaft, die dieses Manko nicht selbstbewusst genug benenne. Föderalistische Spiegelfechtereien, was die Kulturhoheit der Länder betreffe – richtig verstandene Kulturförderung übe ohnehin keine „Hoheit“ aus, sondern schaffe nur günstige Rahmenbedingungen. Das bürgerschaftliche Engagement hingegen habe sich, seit der Reform des Stiftungssteuerrechts, gesteigert: Jährlich entstehen bis zu 1000 neue Stiftungen. Und doch betrage die Gesamtzahl mit 13 000 Stiftungen gerade einmal ein Zehntel von dem, was im Kaiserreich um 1900 existierte. Am Schluss kommt Lammert noch auf sein Lieblingsthema, die „Leitkultur“: als abendländisch geprägte Selbstvergewisserung der inneren Verfasstheit der Gesellschaft für ihn unverzichtbar. Was aber, Herr Lammert, wenn sich diese Gesellschaft gerade verändert?

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