Wut der Bürger : Jetzt sind auch die Politiker verdrossen

Der politische Mensch braucht vor allem Leidenschaft. Eine Berliner Debatte über die Wut der Bürger.

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Abschlussfrage an die Runde im Saal der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz: Wie soll, will Moderatorin Jacqueline Boysen wissen, der „politische Mensch“ der Zukunft sein? „Na, hoffentlich fröhlich“, sagt Klaus Staeck, womit er ein bisschen Stimmung in die volle Bude bringt, gerade als das Gespräch sich im Gestrüpp der „Bologna-Frage“ zu verheddern droht. Der politische Mensch, das sagt Staeck nicht, demonstriert es aber, braucht vor allem Leidenschaft.

Überhaupt präsentiert sich Akademiepräsident Staeck als guter, überraschender Gastgeber. Als schon wieder die Ohnmacht (Andres Veiel) und das Sachbearbeitertum (Oskar Negt) der herrschenden Politiker angeprangert werden, springt Staeck, nicht gerade als Politikerfreund bekannt, den Gescholtenen zur Seite. „Man muss sich fragen, was die Alternative wäre: Wollen wir uns lieber von Bertelsmann regieren lassen?“ Der Dokumentarfilmer Andres Veiel, Klaus Staeck und Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages, sitzen mit dem emeritierten Soziologieprofessor, Reformschulgründer und Gerhard-Schröder-Freund Oskar Negt zusammen, um über dessen neues Buch „Der politische Mensch“ zu reden. Das heißt, eigentlich wird mehr über das Unbehagen der Bevölkerung an der Politik gesprochen, das sich unter anderem in den Protestbewegungen in Stuttgart und Gorleben zeigt.

Negts Befunde sind zutiefst pessimistisch. Die Politik leide unter einer „Entpolitisierung“ der Politiker, die nicht nach reformatorischen Ideen, sondern nach betriebswirtschaftlichen Prämissen ihre Arbeit verrichteten und zu „haushaltstechnischen Manipulierern“ geschrumpft seien, auf die nach der politischen Karriere sofort ein Job in der Wirtschaft warte. Veiel präzisiert: Das Unbehagen der massenhaft demonstrierenden Bürger habe jetzt nur Ventile gefunden und tatsächlich noch immer mit dem Schock der Finanzkrise zu tun. Plötzlich seien 500 Milliarden für Banken bereitgestellt worden, ohne dass die Prozesse transparent gemacht worden seien, ohne dass der Bürger den Eindruck hätte gewinnen können, die Politiker verstünden etwas von dem, was sie da beschlössen. „Wir leben, das wissen alle, längst in einer neuen Blase. Und wenn die platzt, wird es richtig schlimm.“

Man kann nicht sagen, dass es Thierse gelingt, verlorenes Vertrauen in die Politik wiedergutzumachen. Im Gegenteil, seine patzigen Reaktionen („Ich nehme keinen Job in der Wirtschaft an“), der weinerliche Grundton („Ich warne davor, uns zu unterschätzen“), gepaart mit Standardfloskeln wie „Manchmal muss man schnell reagieren“, all das bestätigt auf gespenstische Weise die Marionettenbefürchtung. Und das Positive? Utopien? Was kann man überhaupt machen? Negt zitiert gut gelaunt Gramsci: pessimistisch analysieren, optimistisch leben. „Sozialismus von unten“, sagt Veiel und erzählt von einer brandenburgischen Gemeinde, in der die Bürger eine geschlossene Fährverbindung wieder in Betrieb nahmen. Darauf können sich alle einigen: Bürgerengagement!

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