Kultur : Wut der frühen Jahre

Göre mit Geist: Pink beeindruckt in der Berliner Max-Schmeling-Halle

Daniel Völzke

Ohne christlichen Bezug kommt keine gute Show mehr aus. Während Madonna sich bei ihren Konzerten kreuzigen lässt, betritt Pink, ihre kleine Schwester, erst dann die Bühne, als eine Prozession von in Mönchskutten gewandeten Tänzerinnen vorübergezogen ist. Dann steht sie da in der tosenden Berliner Max-Schmeling-Halle, hält kurz inne und stiefelt als verruchter YMCA-Leder-Cop eine Spelunkentreppe herunter. Weihrauch verwandelt sich in Discosmog. Und während der Chor musicalhaft „Icecream, icecream, we only want icecream“ trällert, verspricht Pink: „Tonight I’ll do what I want“. Der Erfolg der amerikanischen Sängerin lässt sich einfach erklären: Sie macht immer, was sie will.

Was folgt, ist das genaue Gegenteil von Improvisation: zwei Stunden ambitioniertes Programm mit vielen Überraschungen – aber ohne Zufälle. Doch die Tänzerinnen, die gediegene Rockband, der Soulchor und der Star sind mit so viel Spaß bei der Arbeit, dass jede Mühe leicht und locker wirkt. Live wirkt Pinks postfeministische Selbstinszenierung stimmig, lustvoll spielt sie mit den Geschlechterrollen. Noch bei ihrem aktuellen Album „I’m Not Dead“, das im Frühjahr erschien und schnell die Nummer eins der deutschen Charts erreichte, sah man Pink an ihrer Stilisierung als schmerzerfahrenes Riot-Girl scheitern. Bemüht zwischen labberigem College-Rock, R’n’B-Versatzstücken und betulicher Countrymusik pendelnd, klang es so bieder wie von alternden Produzenten zusammengeklont.

Doch schon das Video zur ersten Single „Stupid Girls“ löste ein, was das Bild von der ewigen Angry Young Woman versprach. Alecia Beth – so ihr bürgerlicher Name – macht sich da über Kolleginnen wie Christina Aguilera oder Jessica Simpson und deren Nachahmerinnen lustig, die alles tun, um männlichen Fantasien zu entsprechen und dekorativ an der Seite von Rapstars zu tanzen. Auch beim Konzert trumpft sie mit der Wucht aus Hohn, Verschwisterungs- und Revolutionsgesten auf. Zu „Stupid Girls“ trippeln die Tänzerinnen als R’n’B- Chicks auf die Bühne, Karikaturen auf Paris Hilton und Nicole Richie. Pink reißt sich ihre rotblondgelockte Perücke vom Kopf und sticht mit einer Nadel einer Partnerin in den überdimensionierten Busen – au Backe.

Pink zeigt, wie es geht, und verwandelt sich in diesen zwei Stunden in eine gespaltene Persönlichkeit. Eine Pink tanzt Flamenco zu einer sehnsüchtigen Gitarre. Die nächste Pink räkelt sich vor den Lautsprecherboxen, spreizt die Beine und lässt sich vom Sound penetrieren. Schon hüpft sie barfuß in wallendem Gewand über die Bühne, findet in seriöser Pose auf einen Barhocker, singt Bob Marley und klingt nach Janis Joplin. „Dear Mr. President“ heißt ein Lied auf ihrem neuen Album, und wer noch Zweifel hatte, wessen unverständlicherweise ruhigen Präsidentenschlaf die Sängerin hier besingt, hier erhält er Antwort: George Bush flackert in Nachrichtenbildern auf. In einer Parallelmontage wechselt sich sein Gesicht mit den Gesichtern von Kriegs- und Krisenopfern ab. Die andere Seite der überzogenen Satire ist der überzogene Protestsong, der dem amerikanischen Staatsführer globale Allzuständigkeit unterstellt. Ausgewogenheit ist Pinks Sache nicht. Doch sie darf eben draufhauen qua ihres Amtes als „Rockgöre“. Daraus bezieht sie ihre Stärke.

Die Ironie versteckt sich in den endlosen Verweisen, die die Show zu einer einzigen Zitatensause machen. Wenn Pink in ihren ersten Hit „Get the Party started“ umstandslos „Sweet Dreams“ von den Eurythmics einbaut, fällt erst auf, wie ähnlich sie Annie Lennox sieht. Wenn sie sich als Rockerbraut auf ein Motorrad hockt, dann denkt man nicht nur an ihren Mann, den Motocrossfahrer Carey Hart, sondern an alle Geister, die dieses ikonografische Bild heraufbeschwört. Selbst eigene Nummern klingen live nach Coverversionen. Pink verweist unentwegt auf die Popgeschichte, bei „Leave me alone (I am lonely)“ macht sie sich über eckigen Achtziger-Jahre-Tanz lustig. Das tollste Showelement ist ein Dressurakt, bei dem Pink in drei Metern Höhe ungesichert auf einem Netz schwebend auch die Vertikale der Riesenbühne bespielt.

Trotz all der Zitate ist Pinks Auftritt keine Luftnummer. Die Sängerin erdet ihren waghalsigen Ritt durch Zeiten und Zeichen mit ihrer unglaublichen körperlichen und stimmlichen Präsenz. Eine Marathon-Frau. Pink hat alles gegeben. Pink hat Ernst gemacht, und doch ist alles Spiel geblieben. So klug kann Mainstream sein.

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