Kultur : „Wut erhält mich am Leben“

Bernhard Heisig ist der letzte Gründungsvater der Leipziger Schule. Nun wird er mit einer Retrospektive in Berlin geehrt

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Herr Heisig, die große Retrospektive, die in Leipzig und Düsseldorf zu sehen war, kommt nun nach Berlin. Wie wurde die Ausstellung im Westen aufgenommen?

Ehrlich gesagt, sie scheint dort nicht so gut anzukommen. Man kennt mich dort nicht so richtig. Aber als ich in Düsseldorf meine Bilder gesehen habe, war ich erschlagen. Es ist eine sehr gute und gründlich gemachte Ausstellung.

In Leipzig ist die Ausstellung durch Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet worden. War das für Sie eine Genugtuung, eine Art Wiedergutmachung nach den Diskussionen, die vor allem Ihre Beteiligung an der künstlerischen Reichstagsausgestaltung hervorgerufen hat?

Ich brauche keine Genugtuung, aber eine Ehre war es schon. Und was die Diskussionen um das Reichstagsbild angeht: Es war doch klar, dass es Angriffe geben würde, bei meiner Biografie. Was mich viel mehr geärgert hat, ist, dass überhaupt keine Reaktion auf mein Bild kam. Keiner ist gekommen, um sich das Bild hier im Atelier anzusehen, und keiner hat nachher etwas gesagt. Ich habe es mir auch nie im Reichstag angesehen. Ich weiß, dass es jetzt in der Cafeteria hängt.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Reibung zwischen Auftraggeber und Künstler in der DDR oft als fruchtbar erlebt haben. Würden Sie sagen, dass Sie in der Bundesrepublik angekommen sind? Oder fehlen Ihnen in der neuen Freiheit die Auseinandersetzungen?

Ich denke schon, dass ich in der Jetztzeit lebe, in der Bundesrepublik. Ich bin zwar Ostdeutscher, aber ich bin in erster Linie Deutscher. Aber Sie haben Recht, es war damals spannend, aber manchmal sehr belastend. Bei vielen Künstlern gab es den Wunsch: Wir wollten etwas erreichen. Es war nicht so, dass man völlig machtlos war. Gelegentlich hatte die Staatsmacht auch Angst vor der Kunst, das bedeutete, Kunst wurde ernst genommen.

Sie haben sich sehr weit eingelassen mit der Macht, waren Stellvertreter von Sitte im Verband bildender Künstler und zeitweilig in der SED-Bezirksleitung.

Ich war Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. In der Bezirksleitung habe ich eine einzige Sitzung mitgemacht. Ich wusste, wenn ich das mitmache, kann ich eine Menge durchsetzen. Man hatte die Macht besser hinter sich als vor sich. Nehmen Sie den 1. Leipziger Herbstsalon: Als er verboten werden sollte, bin ich nach Berlin gefahren und habe die Rücknahme des Verbots erreicht. Dabei war der Herbstsalon ein Affentheater: Da wurde der Eindruck erweckt, es käme etwas Neues, aber es kam nichts. Die Bilder waren alle zuvor in anderen Ausstellungen zu sehen gewesen. Aber das Drumherum war wohl wichtig.

Sie gelten mit Mattheuer, Tübke und Sitte als Begründer der Leipziger Schule, die die Malerei an der Hochschule erst etabliert hat. Haben Sie noch eine Beziehung zur Neuen Leipziger Schule um Neo Rauch?

Ich kann dazu nichts sagen. Neo Rauch wurde damals von Arno Rink zu mir geschickt, um bei mir Meisterschüler zu werden. Nach dem fünften Atelierbesuch hat er alles anders gemacht, als ich sagte. Da habe ich gesagt, wir lassen das besser. Wie er programmiert war, habe ich einfach nicht verstanden. Aber die so genannte Leipziger Schule war ohnehin immer ein fragwürdiger Begriff. Wir bildeten eigentlich gar keine Schule. Es gab zum Beispiel künstlerische Gegensätze zwischen Mattheuer und mir. Auch Tübke hatte eine ganz andere Geisteshaltung. Aber uns verband das Festhalten an der menschlichen Figur. Wir hielten das für das wichtigste Medium des Künstlers.

Ihr großes Thema ist der Krieg, den Sie als 18-Jähriger mitgemacht haben, in der Ardennenschlacht und im Kampf um Breslau. Warum halten Sie bis heute so manisch an diesem Thema fest?

Ich war mit 17 Jahren Kriegsfreiwilliger in der Hitlerjugenddivision. Die gründliche Beschäftigung mit dem Thema kam erst nach und nach. Da wuchs mir langsam ein Schuldgefühl. In meinen Bildern geht es mir um die Verstricktheit des Menschen in sein Schicksal, auch um sein schuldhaftes Verhalten. Ich bin oft gefragt worden, hätten Sie es anders gemacht, wenn Sie noch einmal leben können. Ich kann nur sagen: Damals wusste ich es nicht besser. Eine meiner Bildfindungen heißt „Der Pflichttäter“.

Sie haben sich immer dagegen gewehrt, ein Historienmaler zu sein. Inwiefern spielen heutige Konflikte wie der Irakkrieg für Ihr Werk eine Rolle?

Ich muss das Gestern verstehen, damit ich das Heute begreife. Wer nur im Heute lebt, geht besser zum Arzt oder zum Psychiater. Es gibt noch immer Krieg, obwohl alle sagen, das ist doch vorbei. Die sind blind. Nichts ist vorbei. Natürlich reizt mich es, das künstlerisch zu reflektieren. Ich kann doch nicht herumsitzen und in die Landschaft gucken, und draußen schießt man aufeinander. Zu dieser Art der Reflexion gehört die Beschäftigung mit der Geschichte. In den preußischen Bataillonen zum Beispiel gab es Schlachtformationen, und wer da drin steckte, musste mitlaufen. Hätte ich da drin gesteckt, wäre ich auch mitgelaufen. Ich bin ja auch mitgelaufen. Das macht mir zu schaffen. Eine Art Lemmingverhalten.

Die Schlacht um die Festung Breslau ist eines Ihrer Hauptmotive. Was bedeutet Breslau heute für Sie?

Breslau war meine Heimatstadt. Ich war noch einmal kurz dort, aber ich werde nie wieder hinfahren. Ich war ziemlich aufgeregt, als ich sah, wo ich zum Beispiel als Kind gespielt hatte. Es war alles viel kleiner, und ich dachte: Hier gehst du nie wieder hin. Meiner Mutter hat es viel mehr zugesetzt. Sie hat nicht begriffen, dass eine Stadt durch Menschen lebt und nicht durch Gebäude oder Straßen.

Wie stehen Sie zu den Diskussionen um ein Zentrum gegen Vertreibungen, das in Breslau entstehen soll?

Jede Nation muss für ihre Taten zahlen. Nur war mir das damals, als wir Breslau verließen, nicht klar. Als wir über die Neiße fuhren, fingen im Waggon die Menschen zu weinen an. Ich begriff das damals nicht, aber die Älteren wussten, dass sie ihre Heimat verloren haben.

Sie haben Ihre Biografie immer wieder in Ihren Bildern verarbeitet. So gesehen können Sie Ihrem bewegten Leben dankbar sein: Ein Thema haben Sie wirklich.

Sagen Sie bitte nicht, dass ich dem Krieg dankbar sein muss. Ich habe damals nicht geglaubt, dass ich davonkommen würde. Das war Zufall, keine höhere Fügung.

Hat es Sie nie gereizt, diesen Themenbereich zu verlassen? Es gibt Vorwürfe, dass Sie immer das Gleiche malen.

Das tue ich ja gar nicht. Zwei andere Ausstellungen meiner Arbeiten, die jetzt in Berlin laufen, zeigen ganz andere Themenbereiche. Ich habe eine Lust an der Malerei, die nicht von Stoffen abhängt. Natürlich gibt es Bildstoffe, die mich immer interessiert haben, zum Beispiel Friedrich II. Und als Junge war ich auf dem König-Friedrich-Gymnasium, wurde preußisch erzogen, und auch hier in Brandenburg ist das sehr präsent. Hier um die Ecke lebte Katte, der hingerichtete Freund Friedrichs II., Friedrich selbst hat das Land kultivieren lassen. Fontane habe ich ein paarmal illustriert, das sind wiederkehrende Themen. Ich will vor allem, dass meine Bilder meine Lust am Malen transportieren. Mit einem Blumenstrauß kann man auch Angst ausdrücken, denken Sie nur die späten Bilder von Corinth.

In den letzten Monaten gab es Diskussionen über Brandenburg als Verliererland der Wiedervereinigung. Es ging um Arbeitslosigkeit, Gleichgültigkeit, Gewalt. Gibt es in Strodehne solche Konflikte?

Es mag schon sein, dass dieses Land benachteiligt ist. Ich kann da nicht mitreden. Mir geht es gut, und es steht mir nicht zu, über die Menschen hier zu urteilen. Aber Ost-West-Konflikte habe ich schon erlebt. Als ich nach der Wende das erste Mal nach München fuhr, hat mich jemand angebrüllt: Fahren Sie wieder dorthin, wo Sie hergekommen sind. Kurz danach habe ich in der Nähe von Augsburg einen Sommerkursus geleitet, das war im Kloster Irsee, in dem die Nazis ihre Euthanasie-Programme durchgeführt hatten. Es gab dort ein Denkmal, und es war nur von Opfern die Rede, nicht von Tätern. Das ist den westdeutschen Künstlern gar nicht aufgefallen.

Sie haben einmal gesagt, wenn Sie ein ausgeglichener Mensch wären, würden Sie nicht malen. Gibt es so etwas wie Frieden in Ihren Bildern? Oder in Ihrem Leben?

Mich interessieren Konfliktsituationen und ich brauche die Reibung. Wenn ich keine Wut mehr hätte, wäre ich schon tot. Insofern bin ich dankbar über diese Wut. Sie erhält mich am Leben. Es ist die Wut über die Arbeit, nicht über den Stoff. Ich bin eitel und denke, ich kann es immer noch besser machen. Später merke ich dann: Hätte ich doch früher aufgehört. Der Malprozess ist ein ständiges Hin und Her. Wenn es nicht klappt, bin ich wütend und manchmal verzweifelt, aber wenn es klappt, gibt es nichts, was daran heranreicht. Das ist dann Glück. Aber das ist selten.

Das Gespräch führten Christina Tilmann und Michael Zajonz.

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